Im Juni hat mein Arbeitgeber mich gefragt, ob ich bei einer kleiner Sache im Recruitingbereich unterstützen kann. Im Rahmen dieser Aufgabe habe ich an der Verleihung des ‚Supermaster-Awards‘ auf der Dachterrasse des Handelsblatts in Düsseldorf teilgenommen. 180 Studenten haben bei der Wirtschaftswoche ihre Masterarbeit eingereicht, zehn wurden vorausgewählt und zu einem Livepitch nach Düsseldorf eingeladen. Nur ein Gewinner bekam das gesamte Preisgeld von unglaublichen 25000€ – aber alle zehn Finalisten wurden von Huawei zu einer Reise nach China eingeladen. Da ich ein wenig an Networking-Scheu leide, hatte ich mir vorab ein paar Leute herausgesucht, die ich ansprechen wollte. Darunter auch Carsten Senz, den Head of Communications von Huawei, der in der Jury saß. Ich bin großer Chinafan und habe 2012/13 bereits ein knappes Jahr in Peking gelebt. So eine Reise wäre genau das Richtige für mich, vor allem momentan, wo ich super flexibel bin… Ich habe Herr Senz dann auch gefragt, ob ich mich unter Umständen auch bewerben könne. Er sagte, dass es für eine Teilnahme im Herbst sei es ohnehin zu spät sei und sich das Programm eigentlich an Studenten aus dem Tech-Bereich (nicht Promovierende an der Sporthochschule) richte. Ich habe seine Visitenkarte trotzdem mitgenommen – und zuhause entschieden, dass ich mich trotzdem bewerbe. Lebenslauf, ein Motivationsschreiben und ein Essay über Übergewicht bei Kindern in China habe ich relativ schnell zusammengezogen. Einfach mal versuchen, ich habe ja nichts zu verlieren. Zwei Wochen später habe ich eine Mail im Postfach: Zusage – ich kann im Herbst 2019 mit nach China, drei Wochen lang, alles gesponsert von Huawei.

Schönes China 🙂

Jetzt ist die erste Woche vorbei, zwei kommen noch. Das Team ist einfach super – 19 andere Leute zwischen 20 und 37, mit unterschiedlichen Hintergründen. Die Stimmung ist gut und wir haben trotz zeitweise anstrengenden Workshops viel Spaß zusammen. Wir waren die ganze Zeit in Peking und haben einiges erlebt. Ich möchte euch davon erzählen und meine drei Hauptlearnings teilen. Warum diese lange Einleitung? Weil die Tatsache, dass ich überhaupt hier bin, mir mal wieder zeigt, dass man sein Leben selber in der Hand hat. Eigentlich hätte ich nicht nach China fahren sollen, aber eine Mischung aus Initiative, Mut und Einsatz hat dafür gesorgt, dass es geklappt hat. #einfachmachen. Das ist ehrlich gesagt auch mit Abstand das größte Learning dieser ersten Woche. Wir haben einige Firmen besucht und die Start-up Szene von Beijing kennengelernt. Ich habe mit mehreren Leuten gesprochen, die viele Jahre Berufserfahrung in Deutschland und in China gesammelt haben. Alle sagen, dass die Chinesen einfach viel schneller sind was technische Entwicklung angeht, weil sie einfach machen. ‚Ja, klar, da passieren viele Fehler und Dinge sind nicht perfekt. Auch bei Alipay gab es am Anfang viele Probleme, aber wir haben nach und nach daran gearbeitet und jetzt läuft es. Die Deutschen wollen immer alles sofort perfekt machen, die Chinesen sind zufrieden, wenn man heute etwas besser ist als gestern.‘, erzählt mir Dr. Yu (Volkswirt bei der UN, zuständig für Digitalisierung des Finanzsektors) in flüssigem Deutsch. Auch wenn der deutsche Perfektionismus bei vielen Dingen richtig und wichtig ist, stimme ich definitiv zu, dass wir an unserer Fehlerkultur arbeiten müssen. ‚First time right‘ ist ja schön und gut, aber wenn es uns davon abhält, wichtige Veränderungen einzuleiten, wird es zur Schwäche. Auch im individuellen nehmen wir uns das Einfach machen-Motto zu selten zu Herzen. Wahnsinnig lange grübeln wir, zögern, wägen ab – und dann hat es jemand anders gemacht, der Moment ist verstrichen. Oder selbst wenn es noch funktioniert kostet uns die Zeit des Haderns viel Energie. Wofür haben wir denn eigentlich so viel Angst? Was ist das Schlimmste, das passieren kann? Meistens ist das Schlimmste bei genauerem Hinsehen gar nicht so schlimm.

Besuch beim Suchmaschinenanbieter Baidu – dem chinesischen Äquivalent zu Google

Man erwischt sich selber doch immer wieder bei Vorurteilen und muss feststellen, dass erste Eindrücke einen täuschen können. Ich selber würde mich als wirklich sehr offenen und toleranten Menschen bezeichnen. Viele Menschen in meinem Umfeld sagen Dinge wie: ‚China reizt mich gar nicht.‘ Ich glaube ein Grund dafür ist, dass sie Angst haben. Angst vor Andersartigkeit und Angst davor, die eigene Komfortzone zu verlassen. Vielleicht auch Angst davor, zu erkennen, dass man selber noch einiges lernen kann und der eigene Weg nicht der einzig wahre ist. Naja – also was das angeht bin ich sehr vorurteilsfrei und überzeugt, dass ich überall und von jedem etwas lernen kann. Aber im 1:1 mit neuen Menschen passiert es mir doch auch ab und zu, dass ich zu eng denke oder voreilig Schubladen aufmache. Ich habe letzte Woche Yvonne kennengelernt – ihren chinesischen Namen weiß ich nicht – und war sehr beeindruckt. Allerdings erst überrascht, denn das unscheinbare und stille chinesische Mädchen hatte ich eigentlich nach den erste 30-Minuten unserer Gruppenarbeit an der Beijing Foreign Studies University als langweilig abgestempelt. Ich war auch etwas müde an dem Tag und nicht voll auf der Höhe … aber trotzdem. Blöd. Später hat sie mich vom Gegenteil überzeugt: Yvonne ist intelligent, lustig, sehr hilfsbereit, offen, neugierig und fleißig. Sie spricht fast perfekt Deutsch und benutzt Wörter wie ‚Ambivalenz‘ und ‚humorvoll‘. Sie ist sehr traditionell geprägt und hofft, dass ihre Eltern sie bei der Suche nach einem festen Freund unterstützen. Aber sie versteht und respektiert, dass ich das anders sehe und befremdlich finde. ‚Viele Dinge unterscheiden uns, aber wir haben doch auch viel gemeinsam. Das macht es doch spannend.‘, sagt sie lachend, als wir nebeneinander im Bus zum Abendessen sitzen und besprechen und über die Jungs in der Truppe quatschen. Sie hat so recht – auch wenn Menschen aus unterschiedlichen Kulturen sich deutlich unterscheiden, eint uns doch einiges. Ich habe gedacht, dass ich mit schüchternen chinesischen Mädels nichts anfangen kann und wurde von der Stärke und Weisheit von der liebenswerten Yvonne überrascht. Das hat mir nochmal auf ein Neues die Augen geöffnet, wie wichtig Unvoreingenommenheit ist und was man verpassen kann, wenn man Dinge voreilig ausschließt.

Der letzte Punkt ist das Thema ‚Spaß haben‘. Unsere Leistungsgesellschaft und ich als absoluter Repräsentant dieser vergessen häufig, dass es nicht nur in Ordnung ist, ab und an mal Spaß zu haben, sondern wichtig. Die Chinesen haben viel mehr spielerische Elemente in ihren Alltag integriert. Es wird mehr gesungen, gespielt und gelacht. Man kann das albern finden (gewisse Dinge sind es auch definitiv!), aber man kann sich auch fragen, ob man gegebenenfalls hier was lernen kann. Dr. Yu erzählte mir von der rasanten Entwicklung, die gerade im Bereich Bildung passiert. ‚Ich finde Schule sollte Spaß machen. Durch neue Technologien kann man Fächer, die vielen Kindern sonst nicht so liegen, attraktiv machen. In Deutschland traut man sich aber einfach nicht mal was zu verändern. Das ist alles so zögerlich.‘ ‚Gamification‘, also die Integration von spielerischen Elementen in an sich nicht-spielerischen Kontexten, ist ein echter Trend. Ja, in China wird mehr gespielt. Andererseits muss man auch sagen, dass in China ein ziemlicher Druck auf jungen Leuten lastet. Es wird viel gearbeitet, häufig auch am Wochenende. ‚Ich finde es schön, dass man in Deutschland am Wochenende einfach mal in die Natur fahren kann, zum Wandern. Hier herrscht so ein Druck.‘, erzählt Yvonne. Da sind wir mit einem Bewusstsein für Themen wie Work-Life-Balance und Burn Out schon deutlich weiter. Ich bin gespannt, was ich hier in den nächsten zwei Wochen noch zu dem Thema und Unterschieden zwischen Deutschland und China lernen werde.

Leckeres Asiafood <3

Also, zusammenfassend: Die drei Learnings aus der ersten China Woche sind:

  • Einfach machen.
  • Offen bleiben.
  • Spaß haben.

Ich freue mich auf zwei weitere Woche mit dem tollen ‚Seeds of the Future‘-Team und bin wahnsinnig dankbar, Teil dieser Reise sein zu dürfen. Für uns geht es am Montag weiter nach Xi’an, wo wir uns die Terrakotta-Armee ansehen werden, bevor wir nach Shenzhen weiterreisen. Egal was noch kommt, ich bin sicher, dass ich hier noch einiges lernen werde. Und natürlich werde ich weiterhin eine Menge gutes Asiafood essen <3

Kategorien: Allgemein

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