Ich habe in den letzten Wochen immer mal wieder gedacht: Mensch, du hast echt super lange keinen Blogpost mehr online gestellt. Dass das nicht passiert ist heißt aber nicht, dass ich nicht nachgedacht habe. Im Gegenteil, ich habe unglaublich viel nachgedacht und auch einiges geschrieben, allerdings eher unstrukturiert und für mich. Aber die aktuelle Zeit verlangt definitiv nach einem Text, finde ich. Deswegen habe ich mich jetzt endlich mal hingesetzt und meine Gedanken strukturiert. In diesem Text geht es um Corona und unseren bzw. natürlich insbesondere meinen persönlichen Umgang damit. Man könnte das Thema aus vielen verschiedenen Perspektiven beleuchten – ich möchte die Frage beantworten, was ich in der Corona-Zeit gelernt habe und was ich daraus mitnehme für mein restliches Leben. Ich liebe lernen und bin ein großer Fan von ständiger Weiterbildung, ganz aktiv, durch die Teilnahme an Programmen oder das Lesen von Büchern oder eben eher passiv, durch das Leben mit seinen Höhen und Tiefen. Corona ist scheiße, da müssen wir nicht drüber diskutieren. Eine Entwicklung, die viele Tausend Menschen sterben lässt und noch viel mehr an ihr wirtschaftliches Existenzminimum drängt, hat nichts Positives. Aber aus einer solchen Phase lernen kann man trotzdem, denn gerade Extremsituationen halten wichtige Learnings bereit. Und da ich ja eh grundsätzlich eher der ‚Looking on the bright side‘-Fraktion angehöre, habe ich natürlich versucht mich auf die ‚positiven‘ Aspekte der Situation in meinem persönlichen Leben zu konzentrieren. Das Ergebnis meiner Reflektion würde ich hier gerne mit euch teilen. Ich habe meine Gedankenprozesse von drei Fragen leiten lassen:

  • Was habe ich in den letzten Monaten gelernt bzw. was ist mir nochmal klarer geworden?
  • Was hat mir in der letzten Zeit wirklich gefehlt, ergo ist mir tatsächlich richtig wichtig?
  • Was war in der letzten Zeit besser bzw. was war nicht da und hat mir aber auch überhaupt nicht gefehlt, ergo brauche ich zukünftig nicht mehr?

Ich habe viel über diese Fragen nachgedacht und mit meinen Lieblings-Reflektionspartnern auch darüber gesprochen. Folgende fünf Punkte habe ich als meine wichtigsten Corona-Learnings herausgearbeitet:

1.Vollständige und bedingungslose Akzeptanz macht Krisenmanagement einfacher: Ich glaube jeder hat seine eigene persönliche Corona-Story, natürlich in variierender Intensität. Manche haben vielleicht tatsächlich einen Angehörigen verloren, Horror. Andere haben den Job verloren oder mussten die eigene Firma schließen. Viele haben Geldsorgen. Fast alle mussten Pläne ändern, Urlaube stornieren. Ich habe Anfang des Jahres gemeinsam mit Christina ein Fitnessstudio eröffnet. Eine Pandemie, die das gesellschaftliche Leben zum Erliegen bring, stand nicht in unserem Businessplan. Hätten wir gewusst, dass wir im März unser Studio schließen müssen, hätten wir nicht gegründet, das ist einfach so. Wir hätten keinen Mietvertrag für ein Studio unterschrieben, unsere Ersparnisse aufgewendet um feinstes Parkett verlegen zu lassen, ein Trainerteam aufgebaut und über Wochen im Studio daran gearbeitet, einen Kundenstamm aufzubauen. Aber wir wussten es nicht – deshalb gibt es GlowBarre, zum Glück. Wir sind – finde ich – recht gut mit der Krise umgegangen, haben den Kopf nicht in den Sand gesteckt und schnell Lösungen entwickelt. Unsere Online-Kurse können den Offline-Betrieb natürlich nicht ersetzen – aber sie haben uns geholfen auch mit geschlossenem Studio Umsätze zu generieren. Aus meiner Sicht ist ein grundlegender Erfolgsfaktor für unser Krisenmanagement die komplette Akzeptanz der Situation gewesen. Wir haben die neue Realität sofort akzeptiert und unser Brainstorming zum Thema Corona-Maßnahmen mit dem Satz ‚Wir stellen uns vor, wir dürfen 6 Monate nicht mehr öffnen‘ durchgeführt. Wir haben uns nicht von leugnender Gelassenheit à la ‚Ach, das dauert jetzt 3 Wochen und dann sind wir wieder da’ oder wütender Verzweiflung à la ‚Was zur Hölle, das können die doch nicht machen‘ leiten lassen. Wir sind auch nicht in panische Schockstarre verfallen. Diese Brille der Akzeptanz aufzusetzen hat uns geholfen. Und sie hat auch meiner Familie geholfen, die ein Restaurant betreibt. Pragmatisch und schnell handeln, aber trotzdem mit einer Qualität, die es auch möglich machen würde diesen Zustand über Monate zu halten. Unabhängig davon ob man ein eigenes Business hat oder nicht, unabhängig davon ob die äußeren Umstände so intensiv sind wie die Corona-Krise: Ich bin sicher, dass volle Akzeptanz Voraussetzung für das innere Seelenheil in schwierigen Zeiten sind und uns befähigen, gute Entscheidungen zu treffen.

Online-Kursplan – unsere schnelle Antwort auf die Studioschließung

2. Optionenpluralismus stresst (mich): In der Corona-Zeit gab es plötzlich weniger zu tun. Geschäfte und Restaurants hatten zu, Take-away haben auch nicht alle angeboten. Fitnessstudios geschlossen. Freunde treffen verboten. Dementsprechend gab es auch weniger Entscheidungen zu treffen. Selber kochen oder essen gehen? Asiatisch oder italienisch bestellen? Einen Freund zu einer großen Geburtstagsparty begleiten (Action, Leute kennenlernen) oder doch ein ruhiger Abend mit Freudinnen (Recharge, Vertrautheit)? Eine Einheit Kraftsport im Gym oder Hot-Yoga? All diese Entscheidungen konnte ich nicht treffen, musste ich nicht treffen. Ich habe mich dadurch allerdings nicht eingeschränkt gefühlt, sondern befreit. Es hat mich entspannt, weniger entscheiden zu müssen. Es ist ja auch wissenschaftlich bewiesen, dass zu viele Optionen uns stressen und manchmal dazu führen, dass man sich gar nicht entscheidet (Decision fatigue). Luxusprobleme sondergleichen natürlich… Ich habe für mich persönlich entschieden, dass ich mir diese gewonnene Gelassenheit erhalten möchte. Auch wenn bereits jetzt der Großteil der Optionen zurückgekehrt ist: ich halte mein Set klein. Versteht mich nicht falsch: ich freue mich aufs Kaffee trinken, Restaurants ausprobieren und sportliche Abwechslung. Aber es hat mir nicht geschadet, 8 Wochen lang fast ausschließlich laufen zu gehen und Barre zu machen, im Café gegenüber To Go-Kaffee zu trinken und öfter selbst zu kochen. Meine Lebensqualität hängt von anderen Dingen ab und es hat mir gutgetan, Abende zuhause zu verbringen, weil es einfach nichts zu tun gibt. Das werde ich mir durch selbstgemachte Verkleinerung des Optionenraums erhalten.

Cafés haben zu – leckeren Kaffee to go gibt es trotzdem

3.Ich brauche körperliche Nähe: Bis Corona war mir gar nicht so klar, wie körperlich ich in meinen sozialen Beziehungen bin. Meine Familie und ich haben ein enges Verhältnis, normalerweise umarmen wir uns viel und sind uns einfach nah, wenn wir zusammen sind. Auch mit vielen meiner Freunde ist die Interaktion sonst schon von Berührungen geprägt – not in a weird way 🙂 Gerade am Anfang habe ich das Ganze sehr ernst genommen und selbst meine Brüder nicht in den Arm genommen (oder eher andersrum). Als vorsichtiger 1-Personen-Haushalt ist man in der Corona-Zeit dann tatsächlich komplett ohne Körperkontakt. Das habe ich ein paar Wochen lang durchgezogen – aber irgendwann ging es nicht mehr und mein Bruder hat mich in den Arm genommen. Das Gefühl werde ich nie vergessen. Während ich realisiert habe, dass meine Lebensqualität definitiv nicht von der Häufigkeit von Restaurantbesuchen oder der Abwechslung im Sportprogramm abhängt: körperliche Nähe beeinflusst sie definitiv sehr und mehr als ich dachte.

4.You can’t pour from an empty cup: Ich habe ein den letzten Wochen viele Situationen mitbekommen – live oder durch Erzählungen – in denen Menschen in Ausnahmensituationen komische und auf den ersten Blick unverständliche Dinge tun. Fußgänger keifen Radfahrer aufs Übelste an. Menschen werden in Supermärkten beschimpft, weil sie nicht ausreichend Abstand halten, zumindest wird es so wahrgenommen. Männer schnauzen liebevolle und gutmeinende Ehefrauen an. Corona hat mir einmal mehr gezeigt, wie wichtig in solchen Momenten Empathie ist. Ja, klar, das ist erstmal kein nettes Verhalten. Aber bevor ich giftig antworte oder mich innerlich distanziere, überlege ich zunächst einmal, warum die Person so reagiert. Weiß ich etwas über ihre/seine Situation? Wenn ja, versuche ich mich so gut ich kann hineinzuversetzen. Das macht es oft leichter, das Verhalten besser einzuordnen und mit Liebe zu reagieren. Kenne ich die Person nicht, versuche ich (so gut ich kann) mir zu sagen,dass sie gerade eine schwierige Zeit durchmacht und das negative Verhalten nicht mir persönlich gilt, sondern einfach als Ventil dient. Wem es nicht gut geht, der kann nichts Positives an seine Umwelt abgeben. Wem es nicht gut geht, der kann vielleicht gerade einfach nicht anders handeln, als er es tut. Wenn ich mir das klarmache, bin ich entspannter und froh, dass ich bin, die es abkriegt und nicht jemand, der es vielleicht weniger gut händeln kann. Gelingt es mir immer, eine solche Empathie aufzubringen? Nein. Aber allein der Versuch macht mein Leben entspannter.

5. People are good: Ich war echt sehr berührt von der großen Solidarität mit der die Menschen sich in den letzten Wochen begegnet sind. Viele Leute haben uns mit dem Fitnessstudio unterstützt, haben unsere Trainings besucht und unser Angebot auf ihren Social Media-Kanälen gezeigt. Unser Trainerteam ist wahnsinnig verständnisvoll. Freunde und Bekannte von heute und früher bestellen Tapas, um dem Restaurant meiner Eltern durch die Krise zu helfen. Ich finde es schön, wie man sich gegenseitig unterstützt, wenn es hart auf hart kommt. Ich habe nie daran gezweifelt, dass Menschen im Kern gut sind aber die letzten Wochen haben mir das nochmal deutlich bestätigt.

So, das waren meine fünf Learnings. Ganz übergreifend vielleicht noch: Ich habe einmal mehr verstanden, dass Zufriedenheit und Glück aus einem selber kommen müssen und nicht von äußeren Umständen abhängen – natürlich gilt das nur, wenn man keine Existenzängste etc. hat. Aber in meiner privilegierten Realität ist das so. Mein Leben war in den letzten Wochen teilweise eingeschränkt und es war natürlich alles nicht ideal mit der Gründung. Mir ging es trotzdem genauso gut wie sonst auch, kein klitzekleines bisschen schlechter. Das zu realisieren macht mich noch einmal mehr glücklich und lässt mich positiv und entspannt in die Zukunft schauen. Mein Leben wird wunderbar.

Danke an alle, die bis hierher gelesen haben 🙂 Jeder Mensch lernt natürlich was anderes aus Krisen, denn jede Situation ist ja auch anders. Aber vielleicht könnt ihr ja den ein oder anderen Punkt nachvollziehen. Lasst mich gern wissen was ihr denkt – in den Kommentaren oder auch 1:1. Es freut mich immer total eure Gedanken zu hören!!

Kategorien: Allgemein

1 Kommentar

Nicky · 26. Mai 2020 um 19:58

Toller Blogpost liebe Liesa!
Ich erkenne mich 1 zu 1 wieder und kann das alles genau so unterschreiben.

Freue mich, Dich irgendwann auch mal wieder knuddeln zu können!
Deine Nicky

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