Über zwei Wochen sind vergangen seit meinem letzten Blogpost nach der ersten Woche in China. Gerne hätte ich direkt nach Woche zwei meine Eindrücke mit euch geteilt, aber ich bin nicht wirklich zum ruhigen Schreiben gekommen, es war einfach zu viel los. Trotzdem möchte ich der dreiwöchigen Reise insgesamt auch drei Texte widmen – deswegen erzähle ich euch jetzt zuerst von Woche 2 und versuche auch meine ‚Learnings‘ aus dieser Woche herauszuarbeiten, auch wenn sich da eventuell was vermischt 🙂

Nachdem wir die ersten 8 Tage in Peking verbracht haben, sind wir mit dem 300km/h fahrenden Schnellzug nach Xi’An gefahren, im Landesinneren. Dort haben wir neben Sightseeing (Terrakotta-Armee) auch Workshops zum Thema Kreativität gehabt. Wir haben in einem wirklich schönen Hotel gewohnt, das an einem See lag. Leider war das Wetter nicht super, die Stadtmauer konnten wir nur im Regen besuchen. Nach vier Tagen in Xi’An sind wir nach Shenzhen weitergereist, diesmal mit dem Flugzeug. Shenzhen ist eine ‚neue‘ Stadt, die vor 30 Jahren noch ein Fischerdorf mit 300‘000 Einwohnern war. Heute leben dort über 12 Millionen Menschen. Die Stadt gilt als digitale Metropole, als technologischer Innovationshub. Neben Huawei hat auch die Riesenfirma Tencent ihr Headquarter in Shenzhen. Ich habe ehrlicherweise das Gefühl, dass ich Shenzhen noch nicht so wirklich kennengelernt habe. Wir waren nur vier Tage dort, saßen viel im Bus oder waren bei Huawei auf dem Campus. Deswegen kann ich gar nicht richtig sagen, wie ich es dort finde. Es war vor allem sehr, sehr schwül, was alle Aktivitäten draußen etwas mühselig gemacht haben. Auffallend war tatsächlich, dass der Großteil der Taxis und Busse mit Elektroantrieb fahren. Schon interessant, dass Elektroautos in Deutschland noch ein Nischenphänomen sind, während das in China alles deutlich weiter fortgeschritten ist. Irgendwie fällt es aber schwer, China einzuordnen. Ja, an vielen Stellen ist das Land modern und weiter als der Westen. Trotzdem gibt es viele Momente, in denen ich mir denke, dass wir in Deutschland doch höhere Standards haben und einfach weiter denken. Ein Beispiel sind Professoren oder grundsätzlich Lehrkräfte. Fast alle Chinesen, die präsentiert haben oder Workshops mit uns durchführten blieben hinter unseren Erwartungen zurück. Gute Erfahrungen machten wir mit deutschen, russischen oder südafrikanischen Rednern. Ein anderer Punkt ist das Thema Nachhaltigkeit – dazu später mehr.

Shenzhen am Morgen

Was also hat die zweite Woche China in mir ausgelöst, was nehme ich mit? Drei Gedanken kamen mir in der zweiten Woche immer wieder:

The future is now: Ich war 2008 und 2012/13 in Peking und auch wenn sich viel verändert hat, habe ich die Stadt trotzdem noch als sehr chinesisch wahrgenommen. Allerdings hatte sich eine Sache ganz grundlegend verändert: das Thema Bezahlen. 2013 habe ich noch mit meiner DKB-Card regelmäßig Geld am zwielichtigen Geldautomat neben dem Supermarkt abgeholt und zweimal meine Karte stecken lassen (#chaos). Bargeld ist heute in China kaum noch ein Thema. Beinahe überall bezahlt man mit dem Handy – Alipay oder WeChat-Pay. Im Supermarkt, der Apotheke oder im Restaurant scannt man einfach den QR-Code des Ladens oder lässt seinen Code scannen. Zwei Klicks und es ist bezahlt. Super einfach und entspannt. Das Thema QR-Code scannen ist ohnehin omnipräsent in China. Nach einem größeren Workshop mit vielen chinesischen und internationalen Studenten fragten mich mehrere Leute, ob wir uns nicht bei WeChat vernetzen sollten… ob sie kurz meinen QR-Code scannen könnten. Einmal dran gewöhnt muss ich sagen, dass ich WeChat und insbesondere das entspannte Bezahlen sehr vermissen werde. Auch der hohe Anteil an Elektrofahrzeugen und die Nutzung von Gesichtserkennungstechnologien (man kann nach der Sicherheitskontrolle sein Gesicht scannen lassen und bekommt dann eine individuelle Information, zu welchem Gate man muss) lässt einen kurz innehalten und feststellen, dass China technologisch echt schon ganz schön weit ist.

Man muss das nicht alles gut finden und über das Thema Datensicherheit und Privatsphäre muss man in dem Kontext ganz sicher sprechen. Aber wenn man das für einen Moment außen vorlässt und neutral auf die Situation schaut, dann hat man das Gefühl, als würde man hier die Zukunft erleben, wie eine andere Teilnehmerin es so schön ausdrückte. Deutschland ist deutlich weniger weit und dafür gibt es eine Vielzahl von Gründen. Jeder sollte sich selber eine Meinung bilden, zum Thema Trade-off zwischen Datenschutz und Regulierung auf der einen Seite und technologischem Fortschritt auf der anderen. Was allerdings in meinen Augen keine Option ist, ist sich grundsätzlich querzustellen, technologische Neuerungen zu verteufeln und China’s Weg komplett abzulehnen. Wir müssen uns damit auseinandersetzen – erstmal wertfrei draufschauen, Andersartigkeiten verstehen und prüfen. ‚The train has left the station. We cannot stop it, we can just hop on and try to steer it’s direction.‘. sagte eine China-Expertin, die sich seit Jahren mit den chinesischen Konsumenten beschäftigt. Ich glaube, dass sie Recht hat – damit wir mitgestalten können, müssen wir erstmal auch die Bereitschaft haben, sich auf andere Dinge einzulassen und verstehen wollen.

Plastik is king: Während China uns – für viele überraschenderweise – in einigen Dingen weit voraus ist, gibt es einige Themen bei denen man das ganz anders ist. Nachhaltigkeit ist im Alltag der meisten Chinesen kein Thema. Ich beschäftige mich ja jetzt seit einiger Zeit etwas mehr damit und war dementsprechend sensibilisiert. Es war unfassbar zu sehen, wie viel Essen in Restaurants weggeworfen wird und mit welcher Selbstverständlichkeit einfach alles doppelt und dreifach in Plastik verpackt wird. Es herrscht eine absolute Konsummentalität – die Chinesen kaufen, kaufen, kaufen. Es wird wahnsinnig viel online bestellt. Auch über das Thema gesunde Ernährung habe ich viel nachgedacht – es wird in China unglaublich viel Fleisch gegessen und viel überzuckertes Zeug gegessen. Wir haben das Thema Nachhaltigkeit in der Gruppe diskutiert – und eine andere Reiseteilnehmerin hat richtig angemerkt, dass China ja quasi noch ein Entwicklungsland ist und dass die Leute jetzt erstmal konsumieren, bevor irgendwann Dinge wie Nachhaltigkeit Einzug halten. Stimmt schon… und auch in Deutschland gibt es ja viele Menschen, die noch nicht darüber nachdenken. Für mich war es trotzdem echt schwer. Ich habe an Tag 2 entschieden, dass mir jetzt für 3 Wochen alles egal ist, sonst hätte ich keine gute Zeit gehabt. Trotzdem hat mich das zum Nachdenken angeregt und motiviert mich jetzt doppelt, zuhause mein Konsumverhalten weiter zu verbessern.

Unser Tisch – allerdings sind wir fertig mit essen. Es bleibt einiges übrig.

Everybody get on the bus, please: Zuletzt, ein persönlicheres Learning. Ich bin ja recht viel unterwegs und meistens alleine. Das impliziert die absolute Freiheit, ich kann tun und lassen was ich will. Wenn ich privat reise, tue ich das meistens mit dem Rucksack auf eigene Faust, low Budget und auch komplett individuell, genauso wie ich es will. Auch in meinem Alltag habe ich momentan maximale Gestaltungsmacht, da ich ohne Lehrstuhlstelle promoviere. Mit dieser Freiheit geht auch Verpflichtung einher. Ich MUSS meinem Tag aktuell Struktur geben und auch auf Reisen muss ich mir überlegen, was ich tun will, um die Zeit gut zu nutzen. Ich mache das gerne, auch wenn ich mit Familie und Freunden unterwegs bin, bin ich oft diejenige, die organisiert und plant. In meinem Alltag bin ich auch oft total durchgeplant, viele Termine. Auf der Chinareise war das ganz anders. Alles war durchgeplant, wir wurden vom Flughafen abgeholt, in den Bus gelotst, im Hotel rausgelassen. Im Restaurant war das Essen immer vorbestellt und wir erfuhren häufig erst am Abend zuvor im Bus, wann wir uns am nächsten Morgen treffen und was das Programm ist. Häufig wechselte das Programm auch zwischendurch. Ich hatte keinerlei Kontrolle – und auch keine Verantwortung. Und ich habe es sehr genossen. Irgendwie hat es gut getan, einfach mal alles aus der Hand zu geben und einfach nachzulaufen. Jetzt freue ich mich auch total darauf, wieder mein eigener Herr zu sein. Und natürlich hatten wir gelegentlich auch mal einen Freizeitslot, den ich meistens allein verbrachte – damit ich mich nach niemandem richten muss und etwas Ruhe genießen konnte, im ganzen Trubel. Ich habe mir vorgenommen diese Erkenntnis zu nutzen und auch in meinen Alltag öfter einmal kleine Momente der Kontrollabgabe einzulegen – einfach andere entscheiden lassen, treiben und gucken was passiert. Entspannend!

So, das war es zur zweiten Chinawoche mit drei Learnings, die natürlich irgendwo die ganze Reise überspannen, mir aber in Woche 2 besonders präsent waren. China ist nicht schwarz oder weiß, sondern ambivalent. Weit voraus bei manchen Themen und noch Entwicklungsland bei anderen. Wer Fragen zu meinen Erfahrungen in China hat oder seine eigenen mit mir teilen möchte – sehr, sehr gerne 🙂

Kategorien: Allgemein

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