In 2017 bin ich durch die Facebook-Posts eines Bekannten auf das ganze Thema Persönlichkeitsentwicklung aufmerksam geworden. Relativ schnell entdeckte ich den Ted-Talk ‚The power of vulnerability‘ von Brené Brown. Brené Brown ist eine US-amerikanische Forscherin, die sich intensiv mit den Themen Scham und Verletzlichkeit auseinandersetzt. Ich finde Brené eine wahnsinnig inspirierende Frau und kann jedem nur raten, den Ted-Talk zu hören und ihre Bücher zu lesen.

Eine Idee aus dem Buch ‚Rising Strong‘ hat mich besonders beeindruckt, zum Nachdenken angeregt und letztendlich – nicht übertrieben – mein Leben verändert: Jeder tut das Beste was er kann, unter den herrschenden Umständen mit den verfügbaren Werkzeugen. Was heißt das konkret? Wie oft verurteilen wir andere Menschen für ihr Handeln. Der Mann im Auto, der uns die Vorfahrt nimmt. Die Frau an der Kasse im REWE, die mit ihrer Kollegin quatscht und unsere Einkäufe unglaublich langsam scannt. Die Kellnerin, die schlecht gelaunt das Essen an den Tisch bringt. Der cholerische Chef, der uns im Meeting das Wort abschneidet und mich im Team bloßstellt. Jeden Tag passieren diese Dinge, im Kleinen oder im Großen. Und jedes Mal haben wir die Wahl: Wir können uns ärgern und die Person verurteilen. Ignorantes Arschloch im Auto. Faule Labertasche an der Kasse. Zickige Tusse im falschen Job im Restaurant. Selbstgefälliger Idiot, der sich selbst zu wichtig nimmt. Wir denken das Schlimmste von den anderen Menschen, glauben wir sind Ihnen egal und sie fügen uns extra oder aus voller Ignoranz Schaden zu. Negative Gedanken, die uns am Ende selber auch zu negativ eingestellten Menschen machen. Es fühlt sich nicht gut an.

Was ist die Alternative? Wir könnten auch denken: Ui, der Mann hat es eilig, vielleicht muss er sein krankes Kind aus dem Kindergarten abholen. Die Kassiererin ist gestern von ihrem Freund verlassen worden, hat unter Tränen wenig geschlafen und ist deshalb müde und froh sich mit ihrer Kollegin austauschen zu können. Die Kellnerin ist wahnsinnig frustriert über ihren Job, braucht aber das Geld um das Heim für ihre kranke Tante zu bezahlen. Der Chef hatte einen Riesenkrach mit seiner Frau am Morgen und hat von seinem eigenen Vorgesetzten dazu noch mächtig Druck bekommen. All das KÖNNTE auch sein. Wir wissen es schlichtweg nicht. Und klar, man kann jetzt sagen: Liesa, aber das ist doch Quatsch, super unwahrscheinlich, dass es so ist. Ja, das mag sein, aber es KÖNNTE eben doch sein. Und wenn es so ist, dann möchte ich nicht diejenige sein, der die Person mit noch mehr Negativität belastet. Ich will empathisch sein, Mitgefühl zeigen und positive Energie senden. Außerdem erfüllt es mich selber mit positiver Kraft, wenn ich annehme, dass jeder grundsätzlich das Beste tut, was er oder sie an diesem Tag eben gerade tun kann. Und gleichzeitig begegne ich mit dieser Einstellung auch mir selber mit mehr Mitgefühl. Ich gönne auch mir Tage, an denen nicht alles super funktioniert. Es war das Beste was ich an dem Tag konnte – und das ist okay so.

Natürlich soll das kein Freifahrtschein für Leute sein, uns schlecht zu behandeln. Wenn mich jemand extra schlecht behandelt geht das für mich nicht. Brené hat ein ‚Konzept‘ entwickelt, wie man damit umgehen sollte: BIG. B steht für ‚boundaries‘ also Grenzen. I ist ‚integrity‘, also Integrität und G sind ‚generous assumptions‘ – also direkt übersetzt großzügige Annahmen. In Schritt 1 definieren wir unsere eigenen Grenzen: Was ist okay, was ist nicht okay? Für mich wäre der cholerische Chef von oben beispielsweise nicht okay. Ich möchte nicht in einem Umfeld arbeiten. Schritt 2 verlangt, dass ich integer zu mir selbst bin. In der Konsequenz muss ich meinem Chef sagen, dass ich sein Verhalten nicht in Ordnung fand. Andere Menschen müssen meine Grenzen kennen. Ich würde also nach dem Meeting meinen Mut zusammennehmen, ihn um ein vier Augen Gespräch bitten und etwas sagen wie: ‚Mark, es ist für dich sicher grad auch nicht leicht mit der vielen Arbeit hier und allen anderen Verpflichtungen, die zusammenkommen. Aber Du hast mich jetzt zum zweiten Mal im Meeting nicht fair behandelt, mich nicht ausreden lassen und meine Leistung belächelt. Ich stecke viel Energie in die Arbeit hier und tue mein Bestes. Lass mich gerne wissen, wenn ich etwas anders machen kann damit wir bessere Ergebnisse erzielen können. Aber die Situation aus dem Meeting kann sich so nicht wiederholen – das funktioniert für mich nicht.‘ Ich verurteile ihn nicht und baue Groll auf. Ich lasse mir aber auch nicht einfach alles gefallen, in der Annahme, dass er sein Bestes tut. Ich gehe auf ihn zu, zeige meine Grenzen auf und zeige bei der Gelegenheit, dass er auf mich zählen kann und ich Verständnis für seine Situation habe.

Also, ich muss mich hier selber auch ab und an nochmal erinnern. Gerade letzte Woche hatte ich so eine Situation: Ich bin völlig kaputt spät abends am Flughafen angekommen und hab ein Taxi genommen. Ich wollte schnellstens nach Hause – aber der Taxifahrer hat sich massiv verfahren. Am Ende saß ich 15 Minuten länger im Auto. Nicht super viel, aber trotzdem in dem Moment ärgerlich, ich war genervt. Gedanke 1 wäre: Wow, you had one job. Wie kann man sich als Taxifahrer so verfahren? Gedanke 2 wäre: Ui, nervig. Aber der arme Kerl sitzt vermutlich auch schon Stunden im Auto und ist gestresst. Vielleicht auch schlecht geschlafen bei der Hitze. Ich war kurz davor in Gedanke 1 abzudriften, habe mich erinnert wie privilegiert ich bin überhaupt Taxi fahren zu können, tief durchgeatmet und dem nervösen Taxifahrer signalisiert, dass alles gut ist und ich nicht böse bin – er hat außerdem ein gutes Trinkgeld bekommen. Ich konnte mich so entspannen, war viel positiver und bin mit einem Lächeln ins Bett gegangen. Brenés BIG-Konzept hat für mich mein Leben verändert – es braucht etwas Übung und Zeit bis man es verinnerlicht. Aber es ist es wert 🙂 Was meint ihr?

(schaut unter https://brenebrown.com/ um mehr zum Konzept zu lesen oder bestellt die Bücher auf Amazon )


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