Seit dem letzten Book-Review-Post ist einige Zeit vergangen, ich habe wieder ein bisschen gelesen und würde euch gerne zwei Bücher vorstellen. Beide sind Sachbücher – ich würde mich übrigens über Empfehlungen aus dem Fiction-Bereich freuen, da habe ich lange nichts mehr gelesen 🙂

  • Essentialism:

Dieses Buch habe ich nicht gelesen, sondern als Audiobuch gehört. Ich denke momentan eh viel nach über Überfluss – sei es im Bereich Konsum oder auch einfach sozialen Alltag. Freizeitstress ist ein grausames Wort, aber es hat ja fast jeder schon mal erlebt, dass soziale Verpflichtungen sich nach zu viel angefühlt haben und man sich auf Zeit allein freut. Das Buch ‚Essentialism‘ beschäftigt sich mit genau diesem Thema, dem ‚Zu viel‘. Die These des Autors – Greg McKeown – ist, dass man sich in allen Lebensbereichen auf das wesentliche – ‚the essential‘ – beschränken sollte, um ein glückliches Leben zu führen. Das ist jetzt an sich kein radikal neues Statement, aber er hat ein paar kluge Gedanken dazu und gibt Tipps, wie man für sich selbst diesen Zustand erschaffen kann. McKeown sieht Essentialism als eine komplette Philosophie, eine Art zu denken, die das gesamte Leben verändert.

Ich würde gerne drei Zitate mit euch teilen, die mir am meisten im Gedächtnis geblieben sind – und sie erklären und in Kontext setzen:

To figure out what is the essential, we need freedom.

Die meisten kennen es: richtig gute Ideen kommen einem nicht, wenn man im schwer beschäftigten Alltag steckt und der Zeit hinterherläuft. Geistesblitze, kreative Ideen oder Erkenntnisse zeigen sich meistens, wenn man mal Abstand hat und loslassen kann. Wenn ich mehrere Wochen am Stück auf Reisen bin wird mir immer vieles klarer und ich schreibe eine neue Idee nach der anderen auf. Dasselbe gilt für das Thema der Selbsterkenntnisse – sich selber eingestehen, dass gewisse Dinge keinen Sinn mehr machen oder dass man gerade fokussiert zu viel macht geht klappt mit etwas Distanz deutlich besser. McKeown sagt ‚we need space to discern the essential few from the trivial many‘. Wir haben so viele Möglichkeiten, können so viele Dinge tun – aber, wenn wir zu viele triviale Dinge machen, fehlt uns die Zeit für die wenigen, wirklich wichtigen. Und um die beiden überhaupt voneinander unterscheiden zu können braucht man Zeit für sich. Einfach mal ein paar Tage ganz alleine wegfahren – auch wenn die Vorstellung für viele schwierig ist – und nachdenken, Entscheidungen treffen, neu sortieren. Zwei weitere Zitate aus dem Buch, die zu dem Thema passen: ‚What do I want go big on?‘ ‚Tradeoffs are an inherent part of life.‘

What is important right now?

Man kann Essentialismus groß denken – im Sinne von ‚Was will ich im Leben machen?‘ – aber auch klein. Nicht selten wird man von irgendetwas abgelenkt und konzentriert sich deshalb nicht auf das eigentlich wichtige in diesem Moment. Beim Schreiben dieses Blogposts könnte ich jetzt auch ständig auf mein Handy schauen und Instagram checken – aber ich frage mich: What is important right now? è writing this post. Noch wichtiger ist Fokus bei sozialer Interaktion. Mittagessen mit den Kollegen? Oder Abendessen mit dem Partner? What is important right now? è das Gespräch. Und nicht die Leute die drumherum laufen oder irgendwas am Handy. Eine Ebene höher gehoben kann die Frage auch bei Priorisierungen helfen. Terminanfrage beim Kunden, super, super wichtig (was sonst?!), aber der Bruder hat zum Geburtstagsessen eingeladen oder die beste Freundin wurde vom Freund verlassen oder die schwangere Ehefrau muss zum Arzt gefahren werden. What is important right now?

If you do not prioritize your life, someone else will.

Es gibt immer was zu tun. Wenn man gute Arbeit macht, wird es immer wieder neue Aufgaben finden, die ganz automatisch den Weg zu einem finden. Das fühlt sich auch erstmal gut an – man wird gebraucht, geschätzt und erntet Respekt, Dankbarkeit und Schulterklopfer. Ständig ‚ja‘ zu allem sagen ist aber gefährlich, denn meistens kosten Dinge doch mehr Zeit als man denkt und lenken einen vom ‚essential‘ ab. Deswegen sollte man öfter nein sagen – eine Sache mit der sich viele Leute schwertun. Früher Nein sagen ist nicht nur nicht schlimm, sondern wirklich wichtig, denn es ist auch nur fair den anderen Leuten gegenüber, die so genug Zeit haben, sich um eine andere Person zu kümmern, die die Aufgabe erledigt. Dasselbe gilt für die Freizeitgestaltung – man muss nicht auf jeder Party tanzen und braucht auch kein schlechtes Gewissen haben, wenn man absagt. Aber man sollte es früh tun und klar kommunizieren. ‚Living by design, not by default.‘ – wer sein Leben selber designt und aktiv Entscheidungen trifft, vermeidet, dass er wie ein Schiffchen im Wind ständig von anderen Leuten und Ereignissen gesteuert wird.

  • Buch 2: The Road Less Traveled

‚The Road Less Traveled‘ wurde mir von einer Blogleserin empfohlen (Danke :)) Es ist schon recht alt: Morgan Scott Peck, ein Psychiater, hat es 1978 veröffentlicht. Das Buch ist spiritueller Natur und man muss sich darauf einlassen. Nicht alle Theorien des Autors konnten mich überzeugen beziehungsweise nicht alle habe ich verstanden, aber trotzdem habe ich einige Gedankenanstöße aus dem Buch mitgenommen und kann es definitiv empfehlen. Ich möchte drei Themen ansprechen, die die stärksten Spuren hinterlassen haben.

Neurotisch vs. Persönlichkeitsstörung: ‘Neurotics make themselves miserable; those with character disorders make everyone else miserable.’

Im ersten Teil des Buches spricht der Autor über Disziplin und sagt, dass man realisieren muss, dass Probleme nur verschwinden, wenn man seine Verantwortlichkeit anerkennt und die Disziplin hat, sie zu lösen. Was so einfach klingt ist in der Realität für viele Leute schwierig. Probleme anerkennen und Fehler zugeben ist nicht einfach und verlangt Disziplin, die manche Leute (unter anderem aufgrund mangels liebevoller Erziehung in der Kindheit) nicht entwickeln konnten. Er stellt zwei Arten psychischer Probleme vor: neurotische Menschen haben das Gefühl, für alles verantwortlich zu sein und fühlen sich nie gut genug während Leute mit einer Persönlichkeitsstörung zu wenig Verantwortung anerkennen und den Fehler immer bei anderen suchen. Beides nicht ideal. Ich habe diese beiden Typen sofort in meinem Umfeld wiedergefunden. Neurotiker sind überzeugt, dass sie das Problem sind – sie können deshalb leichter an sich arbeiten, da diese erste Einsicht stattfindet. Die Menschen mit Persönlichkeitsstörung sind davon überzeugt, dass sich die Welt verändern muss, aber nicht sie selbst. Da wird es schwieriger. Der Autor erklärt, dass fast jeder von uns Züge dieser Problematiken in sich hat und dass es auch sein kann, dass man beides in sich vereint und im einen Kontext eher neurotisch ist und in einem anderen eher gestört. Die Konsequenz ist, dass wir uns ein Leben lang immer wieder selber kritisch anschauen sollten und an uns arbeiten müssen.

Liebe: “Love is the will to extend one’s self for the purpose of nurturing one’s own or another’s spiritual growth”

Scott Peck spricht auch über Liebe und sagt, dass Liebe kein Gefühl ist, sondern eine Handlung. Für ihn ist Liebe der Wille sich selbst zu erweitern, um eine andere Person beim Wachsen zu unterstützen. Er erklärt zuerst, dass ‚falling in love‘, also das Verlieben nur sehr temporär ist und meistens sexuell motiviert. Deshalb kann das allein keine Basis für richtige Liebe sein. Die braucht nämlich Disziplin und Getrenntheit. Er sagt, dass Menschen die wirklich lieben keine Eifersucht kennen, sondern ihr Gegenüber als absolut unabhängiges Individuum anerkennen und sogar aktiv vorschlagen, dass er oder sie Zeit alleine verbringt. Er sagt, dass Liebe sich nicht durch ein gegenseitiges Abhängigkeitsverhältnis charakterisiert. ‚Zwei Menschen die sich lieben können ohne Probleme ohne einander leben. Aber sie entscheiden sich gemeinsam zu leben.‘ Peck erklärt weiterhin, dass man nur eine sehr begrenzte Anzahl an Menschen lieben kann, was Sinn macht, wenn man es so definiert wie er es tut, denn dann impliziert es viel gemeinsame Zeit, Aufmerksamkeit und ein ehrliches Interesse am Wachstum des anderen.

Der restliche Teil des Buches ist etwas schwerer zu greifen, zumindest für mich. Scott Peck spricht erst über Religion und dann über Gnade. Er sagt, dass jeder Mensch irgendeine Religion hat – nach seiner Definition ist Religion lediglich eine Weltanschauung und muss nicht unbedingt Glaube an einen Gott oder religiöse Praktiken beinhalten. Um als Mensch persönlich wachsen zu können braucht man eine eigene Einstellung zu den Dingen. Er betont, dass wir prüfen müssen, ob wir unsere eigene Religion (Weltanschauung) gefunden haben, oder noch an der unserer Eltern hängen. Im letzten Kapitel spricht er über das Unterbewusstsein, Zufälle und die Kräfte, die persönliche Weiterentwicklung behindern. Was aus diesem – für mich schwer verständlichen – Teil bei mir insbesondere hängen geblieben ist, ist die These, dass wir grundsätzlich alle eine innere Abneigung gegen persönliches Wachstum haben, weil es eben anstrengend ist und Kraft kostet. Wir Menschen sind erstmal per se faul und unterliegen dem Naturgesetz der ‚Entropie‘. Das besagt, dass Energie immer von einem Zustand der stärkeren Organisation in einen Zustand der weniger starken Organisation fließt. Wasser fließt den Berg hinunter, wenn wir es oben haben wollen, müssen wir Energie aufwenden. Wir Menschen sind chaotisch und unsere Persönlichkeit nicht entwickelt – um das zu ändern und zu wachsen müssen wir Energie aufwenden. Seine grundsätzliche These ist also, dass der Prozess der Persönlichkeitsentwicklung anstrengend ist, lange dauert und es immer mal wieder Rückschläge geben wird – weil es einfach natürlich nicht vorgesehen ist und unser inneres immer mal wieder versuchen wird den einfachen Weg zu nehmen (den viele Menschen ihr Leben lang gar nicht erst verlassen. Warum sollte man überhaupt? Hier schließt sich dann der Kreis: die Kraft, die wir der Entropie entgegensetzen ist Liebe. Wir nehmen den schwierigen Weg aus Liebe zu uns selbst und helfen Menschen die wir lieben beim Wachsen, auch aus Liebe.

Kategorien: Allgemein

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