Vor einigen Tagen habe ich an einem philosophischen Seminar an der Uni teilgenommen. Teil des Promotionsstudiums sind auch einige Blockseminare – dieses handelte vom Thema der ‚Wissenschaftstheorie‘. Der Professor sah mit seinen grauen, wilden Locken, großer Brille und herzlichem, aber leicht verklärten Lächeln genauso aus, wie ich mir einen Philosophen vorgestellt habe. Wir haben in dem Seminar länger über den Unterschied zwischen Verstehen und Erklären gesprochen. Das war alles ziemlich komplex, man (zumindest ich) musste die Texte echt mehrmals lesen, um halbwegs zu checken, was die Schlussfolgerungen sind. Philosoph Helmut Plessner sagt auf jeden Fall, dass die Frage ein kraftvolles Instrument der Wissenschaft sei, das festlegt, ob wir uns einem Gegenstand oder Zusammenhang erklärend – durch geschlossene Fragen – oder verstehend – durch offene Fragen – nähern. Egal – mich haben das Seminar und die wahnsinnig vielen Fragen, denen wir uns dort gestellt haben zum Nachdenken angeregt. Viele Fragen haben wir gar nicht fallabschließend beantwortet. Oft gab es kein richtig oder falsch. Das fand ich zwischendrin echt unbefriedigend, ich wollte auch Antworten. Und ich würde grundsätzlich sagen, dass die Suche nach Antworten etwas ist, das unsere Gesellschaft an sich auszeichnet.

Wir googeln verschiedenste Fragen mit dem Ziel, klare Handlungsanweisungen zu finden, am besten How-To-Listen. Auf ‚WikiHow‘ gibt es Anweisungen für fast alles – von ‚Hörnchennudeln kochen‘ über ‚Filmstar werden‘ bis hin zu ‚Richtig flirten‘. Wir wollen Anleitungen und Ausrufezeichen, keine Fragezeichen. Aber eigentlich ist Fragen an sich schon super mächtig, auch wenn es auf manche Fragen keine Antwort gibt – oder zumindest keine singuläre, sinnvolle (WikiHow…). Letztens war ich auf einer Party, auf der ich keinen kannte, außer der Freundin, die mich mitgenommen hatte. Ich habe mich mit einem anderen Partygast länger unterhalten, ihm viele Fragen gestellt. ‚Sind wir hier bei einem Bewerbungsgespräch?‘, fragte er mich mit Augenzwinkern nachdem ich von ihm wissen wollte, was seine Vorstellung von Erfolg ist. Nein, sind wir natürlich nicht. Aber ich liebe es einfach, solche Fragen zu besprechen und tue dies auch ständig mit meinen Freunden. Für die nächste Party bringe ich aber gern auch mein Party-Smalltalk-Repertoire mit 🙂 Naja – ich habe mich angestoßen durch das Seminar auf jeden Fall mal mit dem Thema ‚Fragen‘ auseinandergesetzt und überlegt, wieso mir tiefe Fragen so viel Spaß machen. Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass Fragen super sind und wir uns alle gar nicht genug davon stellen können. Auf zwei verschiedenen Ebenen habe ich über Fragen und ihre Funktion nachgedacht.

Fragen an uns selbst:

Die Fragen, die wir uns selbst stellen finde ich die wichtigsten – sie sind direkt präsent in unserem Kopf, bestimmen was wir lernen und geben unserem Leben die Richtung vor. Ich unterscheide zwischen zwei Arten von Fragen:

a) Vergangenheitsorientierte Fragen: Das sind Fragen, die wir uns stellen um abgeschlossene Situationen und vergangenes Verhalten zu reflektieren. Die Art der Frage entscheidet was wir aus der Vergangenheit lernen und mit in die Zukunft nehmen. Sich hier gar keine Fragen zu stellen wäre falsch, dann lässt man wertvolle Learnings liegen. Man sollte es mit der Fragerei hier aber auch nicht übertreiben, denn die Vergangenheit ist Geschichte und kann nicht mehr verändert werden. Deswegen ist es nicht sinnvoll, unglaublich viel Zeit mit vergangenheitsbezogenen Fragen zu verschwenden. Viel wichtiger ist es zu überlegen was die richtigen Fragen sind und sich dann mit diesen zu beschäftigen.

Falsche oder viel eher ungesunde Fragen, auf die ich selber aber schon so manches Mal viel zu viel Zeit verwendet habe, wären zum Beispiel:

  • Was haben nur die anderen von mir gedacht? => nicht relevant
  • Wieso passiert das immer mir? => nicht zielführend, Opfermodus

Besser wäre:

  • Was war dabei gut? => hilft eine positive Grundstimmung einzustellen (und es gibt echt fast immer was Gutes)
  • Was weiß ich jetzt, was ich vorher nicht wusste? => bereitet Wachstum vor

Wir haben es selber in der Hand, was in unserem Kopf ist. Klar, man kann sich ewig Fragen stellen, die einen immer weiter in den negativen Reue-Peinlichkeits-Nicht-gut-genug‘-Selbstzweifel-Strudel ziehen. Oder aber man stellt sich kurz und knackig die wirklich wichtigen Fragen und macht weiter.

b) Gegenwart- und zukunftsorientierte Fragen: Die wichtigeren Fragen an uns selbst sind die, die sich auf die Gegenwart oder die Zukunft beziehen. Denn sowohl in der Gegenwart als auch in der Zukunft haben wir noch aktive Gestaltungsmacht. Die Fragen, die in unserem Kopf sind, determinieren den Kurs, den unsere Gedanken nehmen. Und unsere Gedanken beeinflussen unser Stimmung und somit unser Leben. Also, Obacht und die richtigen Fragen stellen 🙂

Auch hier, viele Fragen stoßen eine Negativ-Spirale an, die zu nichts führt:

  • Warum sind alle anderen schlauer/hübsche/erfolgreicher/fill the blank als ich? => nicht hilfreich, negative Gefühle
  • Was, wenn es schiefgeht? => Konjunktiv, Wahrsagerei = Zeitverschwendung. Was wenn es gut geht?

Vielleicht könnte man sich konstruktivere Fragen stellen:

  • Was steht gerade zwischen mir und der absoluten Zufriedenheit? => Wertschätzung der eigenen Person gegenüber. Sich selber in die Augen gucken – was brauche ich?
  • Wenn ich so weiter mache wie jetzt gerade, bin ich in 10 Jahre da wo ich aktuell gerne wäre? => Ja? Top. Nein? Was muss ich ändern?
  • Was kann ich richtig gut? Wie kann ich das nutzen, um anderen zu helfen? => Selbstwertsteigerung, konstruktiv, positiver Einfluss
  • Wofür bin ich gerade dankbar? => Positives Mindset


Also, in Summe: Unterschätzt nicht die Kraft, die die Fragen, die in eurem Kopf rumgeistern, haben. Aktives Fragenmanagement hilft dabei eine positive Grundeinstellung aufzubauen, effektiv aus vergangenen Situationen zu lernen und mit Energie die Zukunft zu gestalten.

Fragen an andere Menschen:

Fragen an andere Menschen sind ebenfalls total kraftvoll, quasi eine Geheimwaffe. Fragen erzeugen Nähe und Verbindung. Der amerikanische Wissenschaftler Arthur Aron sagt sogar, dass sich zwei Fremde, die sich gegenseitig ein bestimmtes Set von 36 intimen Fragen stellen, ineinander verlieben. Durch das Teilen von Informationen und Gefühlen macht man sich verwundbar und erzeugt eine Verbindung. Ich habe die 36 Fragen noch nicht ausprobiert, aber wäre vielleicht man ein Experiment wert 🙂 Naja – mit Fragen kann man auf jeden Fall einiges machen, in der zwischenmenschlichen Verbindung. Man kann Wissenslücken füllen, Feedback einfordern, andere bei der Entscheidungsfindung unterstützen oder auch verunsichern. Und man kann einfach Interesse signalisieren.

Oft machen wir uns in zwischenmenschlichen Beziehungen nicht die Mühe Fragen zu stellen, sondern füllen die Wissenslücke selber indem wir mutmaßen. Wir interpretieren das Verhalten anderer und ziehen unsere Schlüsse, fallen oft tief in den Negativstrudel. Denkt mein Chef ich bin inkompetent? Er hat die ‚wichtigere‘ Aufgabe an meinen Kollegen gegeben… Und er wirkte auch sonst die letzten Tage irgendwie distanzierter. Was habe ich gemacht? Ich bin eh nicht gut genug für den Job, ich wusste es. Schnell beginnt ein negatives Gedankenkarussell, das absolut unnötig ist, denn wir wissen ja einfach nicht was der Grund war. Vielleicht steht in zwei Wochen noch ein anderes Projekt an, das gut zu uns passt und der Chef wollte uns dafür freihalten. Who knows – einfach fragen. Auch in vielen anderen Situationen hilft es total, einfach den Mund aufzumachen und zu fragen, was Sache ist. Bist du sauer auf mich? Was stört dich gerade? Was ist das zwischen uns? Durch Fragen kann man viel Zeit und Energie mit sparen, die man ansonsten für das Zerdenken der Situation aufwenden würde. Fragen stellen um Feedback einzuholen ist auch etwas, was viele von uns zu selten machen. Oft will man lieber Recht haben und bestätigt werden, anstatt eventuell unbequeme Wahrheiten zu hören. Hedgefundmanager Ray Dalio schreibt in seinem Buch ‚Principles‘ über das Konzept der ‚radical truth‘ – also radikale Wahrheit. Er sagt, dass wir den Wunsch Recht zu haben mit dem Wunsch die Wahrheit rauszufinden ersetzen sollten. Das impliziert auch, dass wir offen nach Feedback auf unsere Arbeit und unser Verhalten fragen sollten. Was kann ich noch besser machen? Wo habe ich einen Fehler gemacht? Fragen mit potenziell unangenehmen Antworten bieten das meiste Potenzial für Wachstum. ‚Die Wahrheit verletzt tiefer als jede Beleidigung.‘ sagte der französische Autor Donatien Alphonse François.


In dem man aktiv zuhört und gute Fragen stellt, kann man den Menschen um sich herum auch wichtige Denkanstöße geben. Eine Freundin erzählte mir vor ein paar Tagen beim Mittagessen, dass die Fragen, die ein Freund ihr stellte, ‚genau die Richtigen‘ waren. Die Fragen waren richtig, weil sie sie dazu brachten, die Situation nochmal aus einer anderen Perspektive zu sehen. Fragen stoßen Gedanken an. ‚Ich dachte ich bin wirklich offen und überlege noch zwischen Option A und B. Aber als er mir diese Fragen gestellt hat, habe ich gemerkt, dass ich mich die ganze Zeit dafür rechtfertige, gerne Option A wählen zu wollen.‘, erzählte sie mir. Ich kenne das auch total gut, oft merkt man erst durch die Fragen anderer, was man selber eigentlich will. Fragen an andere können aber auch den gegenteiligen Effekt haben und nicht unterstützen, sondern verunsichern. ‚Willst du das wirklich machen? Also ich wäre da ja vorsichtig.‘, ‚Willst du das wirklich anziehen?‘ oder ‚Ganz ehrlich, das haben doch schon so viele versucht. Wieso sollte es bei dir klappen?‘ sind Klassiker aus dieser Kategorie. Diese Fragen sind vielleicht gar nicht negativ und verunsichernd gemeint, sondern stehen für echte Sorge, dass der andere sich übernimmt, blamiert oder enttäuscht wird. Trotzdem sollte man mit solchen Fragen sehr vorsichtig umgehen und sich klarmachen, wie hoch ihr Einfluss sein kann. Gleichzeitig sollten wir auch alle nicht zu anfällig für externe Verunsicherung sein. Klar, wenn ein wichtiger Mensch im Umfeld eine solche Frage aufwirft, dann verdient sie es auch, dass wir darüber nachdenken. Aber nicht selten ist der Hintergrund solcher Fragen ein Gefühl der Angst oder des Neids – man könnte sich verändern durch den Schritt oder sehr erfolgreich damit sein und die andere Person damit unter Druck setzen. Wer selber nicht komplett mit sich selbst im Reinen ist, stellt verunsichernde Fragen.

Letztlich sind Fragen – egal welcher Art – auch einfach ein Zeichen von Interesse. Wie geht es dir? und Kann ich dir helfen? sind zwei ganz kurze Fragen mit enormer Wirkung. Sie öffnen die Tür für Verbindung, für das Teilen von Gefühlen und die Annahme von Unterstützung. Ich habe in meinem Leben Platz für dich. Ich interessiere mich für dich und will wissen, was dich beschäftigt. Es gilt auch andersrum: Ein ‚Kannst du mir helfen?‘ kostet viele Menschen Überwindung, weil es Verletzlichkeit zulässt. Auch diese Frage sollten wir öfter stellen.

Ich glaube mangelnde Kommunikation – ob mit sich selbst oder anderen – ist eine der wichtigsten Ursachen vieler Probleme. Wir sollten mehr Fragen stellen, öfter mit uns selbst und anderen in Verbindung gehen. Kinder nehmen kein Blatt vor den Mund und fragen ständig, wenn sie etwas nicht verstehen oder einer Situation auf den Grund gehen wollen. Im Erwachsenenleben wird das dann weniger – wir sind zu stur, wollen uns keine Blöße geben, nicht verletzlich sein, nicht den ersten Schritt machen und unbequeme Wahrheiten nicht hören. Aber durch all das könnten wir wachsen – von daher lasst uns doch wieder mehr Fragen stellen und unser aller Leben einfacher machen 🙂

(Bergbild als Hintergrund weil einfach schön. Und weil wir uns da in den Bergen viele Fragen gestellt haben. :))

Kategorien: Allgemein

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