‚Ganz schön krank, Leute!‘ steht auf den knallbunten Plakaten, die seit einigen Wochen in den Städten hängen. Die DAK-Gesundheit hat eine Anti-Negativitätskampage gestartet und möchte Menschen dafür sensibilisieren, dass die Art des gegenseitigen Miteinanders einen großen Einfluss auf das Wohlbefinden jedes Einzelnen und der Stimmung in der ganzen Gesellschaft hat. Ich habe mich letztens mit einer Dame unterhalten und sie gefragt, welche Nachricht sie auf ein großes Poster schreiben würde, das für ein paar Wochen am Kölner Dom hängt.‚Seid nett zueinander.‘, hat sie gesagt. Und die DAK hat sie anscheinend gehört 🙂

(Poster von der DAK-Gesundheit)

Unsere Gesellschaft hat ein Problem. Wir werden uns alle immer fremder,alles wird anonymer. Das sagt die 67-Jährige Dame mit der ich gesprochen habe. ‚Und die Menschen gehen weniger höflich miteinander um.‘, ergänzt sie. Ich selber kann ehrlich gesagt nicht einschätzen, ob es früher anders war. Aber ich fühle die Anonymität, deutlich. Deshalb möchte ich die letzten Tage der Vorweihnachtszeit nutzen und in einem Text für mehr Menschlichkeit und Liebe im Umgang miteinander plädieren 🙂

Zuerst möchte ich mir das Problem mal genauer anschauen. Die Dame sprach von Unhöflichkeit und Anonymität – das sind ja irgendwie immer noch zwei verschiedene Paar Schuhe. Ich glaube, wir können es in Typ a) aktive und Typ b) passive Unhöflichkeit unterteilen. Aktives Unhöflich-sein ist natürlich schlimm. Vorein paar Tagen bin ich morgens aus dem Fitnessstudio zum Kaffee trinken gelaufen (mein Leben gerade ist super) und auf dem Weg habe ich folgende Szene erlebt: Eine Frau lief etwas Gedanken verloren über den Bürgersteig und touchierte mit ihrer Schulter leicht einen entgegenkommenden Mann. Sie rief sofort laut ‚Entschuldigen Sie bitte!‘ – aber das konnte den Mann nicht besänftigen. Er brüllte sie mit Wut in den Augen an, sie sei eine blöde Kuh und solle doch aufpassen. Ich war wie vor den Kopf gestoßen…  war ich eben noch endorphin-durchströmt durch die Sonne Kölns gelaufen, hat mir diese Situation die gute Laune kurz verdorben. Wie unglücklich muss dieser Mann sein, dass er auf eine harmlose Situation so reagiert? Die Dame, die ich interviewt habe erzählte mir von einem anderen unangenehmen Vorfall: ‚Ich steige in den randvollen ICE und möchte mich hinsetzen. Ein junges Mädchen, vielleicht Mitte zwanzig, sitzt in einem dieser Vierer-Sitze mit Tisch. Ihr gegenüber zwei junge Männer, auf dem Platz neben dem Mädchen hatte sie ihre Tasche deponiert. Auf die Frage, ob sie die Tasche wegnehmen könne, ich würde mich gerne hinsetzen, sagt das Mädchen, dass ich mir wo anders einen Platz suchen solle.‘  Was ist denn nur los mit uns??? Wir ignorieren uns, beschimpfen uns. Sobald ein elektronisches Gerät zwischengeschaltet  ist, wird es noch schlimmer. Auf Instagram werden ohne Ende Hass-Kommentare verteilt. Natürlich geht es noch ernster: die körperliche  Gewalt an Schulen ist stark angestiegen. Wir haben ein Aggressionsproblem, an dem wir arbeiten müssen. Den Kindern gute Vorbilder sein ist ein erster, einfacher Schritt.

Naja – auch wenn jeder von uns sich bestimmt schon mal im Nachhinein über eine nicht angemessene Reaktion in der Interaktion mit Mitmenschen geärgert hat, sind vermutlich wenige von uns die unerzogenen Menschen in der Bahn, verbitterte Rentner oder aggressive Social-Media-Hater. Was uns schon eher betrifft ist Typ b), die passive Unhöflichkeit. Passiv unhöflich ist es für mich, mit Kopfhörern an der Kasse im Drogeriemarkt zu stehen und es nicht zu schaffen, dem Kassierer in die Augen zu schauen und Danke zu sagen. Oder beim Gespräch mit einem guten Freund ständig auf das Handy zu schauen. Passiv unhöflich finde ich auch, ein kurzes Gespräch mit dem Taxifahrer auf bestimmte, abweisende Art im Keim zu ersticken. Zwei Dinge zur Klarstellung: Erstens nehme ich mich hier wie immer nicht aus. Auch ich habe bereits an der Kasse gestanden und beim Bezahlen telefoniert, um irgendwie Zeit zu sparen und bin dem Herrn an der Hotelrezeption nach einer anstrengenden Woche und kurzen Nacht mit frösteliger Abweisung begegnet. Aber ich möchte so nicht sein – und habe mir seit einiger Zeit deshalb aktiv vorgenommen, solche Verhaltensweisen einzustellen. Ich meine, was haben wir denn noch, wenn wir die Herzlichkeit im Umgang miteinander verlieren? Es passiert doch eh schon so viel Mist mit dem man klarkommen muss, da ist doch einfach viel, viel angenehmer wenn in der Gesellschaft an sich ein positives Miteinander herrscht. Zweite Klarstellung: Klar, man hat manchmal keine gute Laune oder es eilig oder was auch immer. Dann muss man das alles natürlich nicht übertreiben und man soll sich selber eh auch nie verstellen. Niemand verlangt, dass man dem Taxifahrer en detail von seiner Woche berichtet, wenn man nicht der Typ für sowas ist – aber einfach grundsätzlich ein Mindestmaß an gegenseitigem Respekt und Beachtung aufzubringen, sollte doch möglich sein.

Café für Menschenliebhaber in Vientiane, Las

Wenn man Lust hat, das Thema mal anzugehen, wird man feststellen, dass es riesigen Spaß macht, mehr mit seiner Umwelt in Kontakt zu treten. Ich schlage euch vor, grundsätzlich mal etwas aufmerksamer zu sein und das Umfeld wahrzunehmen – also mal ohne Handy in der Hand durch die Straßen laufen. Dann kann man nämlich auch mitbekommen, ob eventuell irgendjemand Hilfe brauchen könnte oder Verbindung zu einem aufnimmt. Neben dieser reaktiven Verbindungsaufnahme kann man natürlich auch selber aktiv werden und (fremden) Menschen den Tag versüßen. Einfach mal jemanden anlächeln oder ein ehrlich gemeintes Kompliment machen ist ziemlich einfach und macht jemand anderem den Tag schöner. Ein paar Worte mit einer Person zu wechseln, die Kontakt sucht und vielleicht sonst nicht so viele Menschen zum Reden hat, kostet euch nicht viel Zeit und macht für den anderen einen großen Unterschied. Ein Freund von mir ist super mit Menschen. Er inspiriert mich immer wieder noch einen Ticken offener und herzlicher zu Fremden zu sein – denn wie gesagt, auch für mich ist das noch ein Lernprozess.

Menschliche Interaktion ist DER Kern des Lebens. Das ist worum es geht, das ist wofür wir gemacht sind. Es muss nicht immer alles nur effizient und schnell, schnell sein. Es muss nicht immer alles zu irgendwas nützlich sein oder zu irgendwas führen. Die kleinen Momente machen den Unterschied, sie sind so schön. Mein Appell an euch für die Weihnachtszeit, das neue Jahr, für immer – macht gemeinsam mit mir den Versuch, unsere Gesellschaft weniger anonym und etwas menschlicher zu gestalten. Habt es nicht so eilig, nehmt euch Zeit für kleine und große Interaktion mit anderen. Jeden Tag aufs‘ Neue – und seid gnädig mit euch, wenn es mal schiefgeht. Einfach am nächsten Tag neu starten. Macht euch klar, dass wir Menschen ALLE was gemeinsam haben und es jeder wert ist, ein bisschen Aufmerksamkeit und Positivität zu bekommen.

Frohe Weihnachten 🙂

Kategorien: Allgemein

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