Heute ist der 8. März. Meine liebe Cousine hat Geburtstag. Und es ist Weltfrauentag. Ich wollte diesen Tag nutzen, um einen Beitrag zum Thema ‚Rolle der Frau‘ zu verfassen. Wenn ich das so aufschreibe, schüttelt es mich schon ein bisschen. ‚Rolle der Frau‘ klingt so hochtrabend, kompliziert und nach Problemen. Schon wieder dieses Thema? Ist das nicht zu Ende besprochen? Nein, ist es noch nicht.

Ich war mir lange in meinem Leben gar nicht bewusst, dass es da irgendwie Probleme geben könnte, bei dem Männer-Frauen Thema. Ich bin mit zwei Brüdern aufgewachsen und wir wurden alle gleich erzogen. Ich wurde nie in eine Richtung gedrängt, habe Ballett gemacht, aber auch Fußball gespielt. Auch in der Schule kam mir nie in den Sinn, dass es problematische Unterschiede zwischen Jungs und Mädchen geben könnte. Später, während der Praktika, die ich im Rahmen meines BWL-Studiums in männerdominierten Branchen wie dem Investment Banking gemacht habe, ging es dann los. Da war man oft eine von zwei oder drei Frauen in einer Gruppe von 30 Männern. Da gab es auch die ein oder andere Extremerfahrung, mal ein Beispiel: Während der Zeit im Banking wurde mir von zwei Kollegen, darunter einem Vorgesetzten, mehr oder weniger explizit Interesse an einem Treffen nach der Arbeit (also weit nach Mitternacht) signalisiert. Ich habe relativ schnell gemerkt, dass viele Männer dort (definitiv nicht alle – ich will hier nicht generalisieren!!!) Frauen im Arbeitsumfeld in zwei Gruppen einteilen: a) Hot oder zumindest bumsbar (pardon me), aber inhaltlich nicht auf Augenhöhe oder b) als ebenbürtige Kollegin mit relevanten inhaltlichen Beiträgen, aber Haare auf den Zähnen, zickig, verbissen, als Frau uninteressant. Muss man sich als immer entscheiden, wie man wahrgenommen werden will? Kompetent oder attraktiv als Frau? In manchen Umfeldern glaube ich ist das so, ja. Die Frage ist, wie wichtig es einem sein sollte. Heute bin ich weiter als früher und habe eine stärkere, innere Haltung entwickelt. Und das ist glaube ich auch die wichtigste Grundvoraussetzung.

Aber auch die Rahmenbedingungen müssen sich ändern. An meinem jetzigen Arbeitsplatz fühle ich mich von den Männern nicht mehr in eine der Gruppen einsortiert, absolut nicht. Aber trotzdem ist es für Frauen in männerdominierten Berufen nicht immer einfach – das zeigt ja allen die Tatsache, dass in den Führungsetagen die Frauenquoten meist sehr niedrig sind. Dafür gibt es eine Menge Gründe. Ich habe vor kurzem eine Umfrage unter männlichen und weiblichen Freunden und Bekannten, die in verschiedenen Bereichen unterschiedlich lange arbeiten, durchgeführt. Zwei Gründe wurden öfter genannt als alle anderen: Das Thema ‚Kinder kriegen‘, das einfach rein biologisch immer noch die Frau übernimmt, und die ‚Ambition Gap‘ – also, dass viele Frauen auch einfach gar nicht in eine Führungsposition kommen wollen. Angenommen, dass wir alle übereinstimmen, dass es grundsätzlich erstrebenswert ist, mehr Frauen in Führungsrollen zu bringen: was ist zu tun? Was muss passieren?

Das Thema ‚Kinder kriegen‘ ist gerade noch weit weg, aber einen Partner an meiner Seite zu haben, der ‚Eltern werden‘ als Gemeinschaftsprojekt ansieht und ebenfalls zurücksteckt, wäre hier meine Strategie. Gesamtgesellschaftlich gedacht müssen wir uns noch mehr in die Richtung entwickeln, dass es auch für Männer okay ist, Vaterschaftsurlaub zu nehmen und dass das nichts mit ‚unter dem Scheffel der Frau stehen‘ zu tun hat. Aber unabhängig von der Bereitschaft der Väter … der Großteil der Mütter möchte ja auch einfach Zeit zuhause verbringen und nicht eine Woche nach der Geburt wieder im Büro stehen. Deswegen müsste es auch hierfür mehr Akzeptanz seitens der Unternehmen geben, mehr flexible Arbeitsmodelle und Entgegenkommen. Das Thema der ‚Ambition Gap’ ist auch für mich sehr aktuell. Ich frage mich oft, ob ich Lust auf all‘ das habe. Will ich Karriere machen? Habe ich Lust auf den rauen Umgangston da oben? Auf das Unterordnen, das strategische Netzwerken? Hier kommen wir zum Problem. So, wie Karriere machen aktuell funktioniert, habe ich keine Lust drauf. Obwohl ich an sich wahnsinnig gerne was bewegen möchte, interessante Probleme lösen will und es mir eine riesige Freude machen würde, irgendwann auch mal Vorbild für andere sein zu können. Aber aktuell hat man als Frau in männerdominierter Industrie wenig (weibliche) Vorbilder, wenig (weibliche) Fürsprecher der eigenen Person und je höher es geht auch immer weniger weibliche Kolleginnen. Was tun? Ich weiß es nicht. Aber ich habe drei Ideen, über die ich gemeinsam mit Freundinnen und Freunden, Kollegen und Kolleginnen nachgedacht habe:

I. Kulturveränderung: Damit Frauen an einem Arbeitsplatz bleiben, müssen sie sich wohlfühlen. Und ich rede nicht davon, dass wir uns alle gegenseitig in Watte packen und ständig sagen, wie toll wir diese und jene Analyse gemacht haben. Ich rede davon, dass man in einem hochintensiven 80+ Stunden Arbeitsumfeld auch mal Schwäche zeigen darf. Wir brauchen Unternehmenskulturen, in denen wir uns so wohl fühlen, dass wir sagen können: ‚Ich kann gerade nicht mehr.‘ oder ‚Ich brauche hier Hilfe.‘, ohne dass uns das als Schwäche ausgelegt wird. Und ich bin fast sicher, dass auch Männer sich insgeheim sehr über eine Veränderung in diese Richtung freuen würden. Die dürfen Schwäche nämlich noch weniger offen zeigen.

II. Gemeinsam üben, nicht getrennt: Aktuell werden Inhalte zum Thema der Mann-Frau-Problematik meist in getrennten Gruppen kommuniziert. Beziehungsweise eigentlich nur in reinen Frauengruppen. Es gibt zahlreiche Female-Trainings, in denen Frauen lernen sollen, in einer männerdominierten Umwelt zu navigieren und sich zu behaupten. Uns wird erklärt, wie Männer kommunizieren und was wir tun müssen, um nicht unterzugehen. Versteht mich nicht falsch, ich bin dankbar für diese Trainings in ‚geschützter Umgebung‘ und ich glaube, es braucht sie auch. Aber was wir eben auch tun sollten, ist zusammenkommen, beide Gruppen an den Tisch holen und Missverständnisse ausräumen und Kommunikation gemeinsam üben.

III. Support statt Stutenbissigkeit: Interessanterweise haben mir fast alle Frauen in meiner kleinen Umfrage gesagt, dass sie lieber mit Männern als mit anderen Frauen zusammenarbeiten, weil es da weniger Zickereien und Intrigen gibt. Mit manchen sehr selbstreflektierten und ehrlichen Frauen habe ich darüber gesprochen, dass man den ‚Sonderstatus‘ als einzige Frau im Team doch manchmal ganz schön findet und genießt. Außerdem habe ich schon so manches Mal mitbekommen, wie Frauen über Kolleginnen in größeren Runden negative Kommentare haben fallen lassen. Wow. Wir beschweren uns über mangelnde weibliche Vorbilder, aber wollen dann keine weiblichen Kolleginnen und ‚sabotieren‘ sie sogar? Das kann es ja definitiv nicht sein, da müssen wir definitiv an uns arbeiten.

Relevantes Thema: Facebook-Post aus der letzten Woche – an meiner ehemaligen Uni wundert man sich, dass es so viele Frauen-only-Events gibt

Das mal als drei Ideen, die aus der Umfrage und weiteren Gesprächen rausgekommen sind. Ich für meinen Teil werde alles versuchen, um so Karriere machen zu können, wie es für mich funktioniert: meine Energie in dynamischen Umgebungen einsetzen, um komplexe Probleme zu lösen, gleichzeitig dabei aber auch voll und ganz Frau sein zu dürfen. Ich will nicht trotz meiner ‚typisch weiblichen‘ Eigenschaften Karriere machen und ständig an ihnen arbeiten müssen, sondern gerade diese Fähigkeiten einsetzen. Ich freue mich über jede Frau in meinem Umfeld, die Karriere macht und Vorbild für andere wird. Aber gleichzeitig finde ich es absolut in Ordnung, wenn sich Paare entscheiden, dass für sie das ‚klassische Rollenmodell‘, in dem die Frau zuhause bleibt und sich um die Kinder und den Haushalt kümmert, das Richtige ist. Vielleicht entscheide ich mich auch später dazu, wer weiß. Das als nicht-fortschrittlich und antiemanzipatorisch zu verurteilen ist intolerant und schädlich. Auch dieses Modell ist toll. Wo wir wieder beim Thema Offenheit und Support wären: wenn wir alle – Männer und Frauen – offen und tolerant sind, Dinge ausprobieren, Andersartigkeit wertschätzen, auch mal einen Vertrauensvorschuss geben und uns gegenseitig unterstützen beim Karriere machen, zuhause bleiben, Kinder kriegen und erziehen… dann wird alles gut 🙂


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.