Wir treffen jeden Tag eine Menge Entscheidungen, die meisten davon gar nicht bewusst, sondern eher automatisch und deshalb sehr schnell. Aber über andere denken wir länger nach. Pasta oder Salat zum Mittagessen? Zum Sport abends oder auf die Couch? Italien oder Spanien im Sommer? Wir alle kennen das Gefühl, sich nicht entscheiden zu können. Neben diesen kleinen Alltagsentscheidungen gibt es auch ‚größere‘ Entscheidungssituationen, bei denen die (wahrgenommenen) Konsequenzen weitreichender sind. Soll ich den neuen Job annehmen oder mich lieber selbstständig machen? Soll ich mich wirklich von meiner Freundin trennen… oder lieber bleiben? Soll ich ihn fragen, ob wir uns mal auf einen Kaffee treffen wollen… oder wird es dann nur unangenehm? Entscheidungen dieser Art können manchmal richtiggehend lähmend sein.

Aber was macht eine Entscheidung eigentlich zu einer schwierigen? Bei einer schwierigen Entscheidung ist keine der Alternativen klar überlegen. Man muss sich nicht zwischen einer guten und einer schlechten Option entscheiden sondern zwischen ähnlich wertigen Alternativen, die sich hinsichtlich verschiedener entscheidungsrelevanter Kriterien unterscheiden. Man wählt zum Beispiel zwischen einem Job, der irgendwie spannender klingt, aber weniger Raum für Freizeit lässt und einem anderen, bei dem es umgekehrt ist. Also: Schwierige Entscheidungen sind per se cool und ein Privileg, denn sie zeigen, dass wir mehrere tolle Optionen haben. Deswegen sollte man versuchen seine Einstellung gegenüber schwierigen Entscheidungen zu verändern und sie schätzen lernen, anstatt sich zu ärgern. Der Druck, den diese Situationen auslösen, ist aber real, denn unsere Entscheidungen machen den Mensch aus uns, der wir sind und spiegelt unsere Werte. Was ist wirklich wichtig? Wie wollen wir leben, wie wollen wir sein? Auch Entscheidungen hinsichtlich Fragen, die als ‚nicht so wichtig‘ angesehen werden, sind deshalb oft schwierig und machen unser Wesen genauso sehr aus wie die scheinbar wegweisenderen. Gehe ich am Wochenende auf die Party, auf der viele der eigenen Freunde sind (sicher eine gute Zeit, Freundschaft, Loyalität, Beständigkeit) oder viele neue Leute (neue Anregungen, raus aus der Komfortzone, Neugier, Aufgeschlossenheit)?

Kopfgesteuert – Pro und Kontra-Listen oder generell Aufschreiben als Klassiker im Entscheidungsprozess. Hilft mir immer dabei, die Situation zu strukturieren.

Also, wir sollten schwierige Entscheidungen erstmal wertschätzen. Das ändert aber trotzdem nichts daran, dass sie getroffen werden müssen. Nachdem wir wissen, dass kleine Entscheidungen des Alltags ebenso kraftvoll sein können wie größere – vielleicht können wir was von ihnen lernen und übertragen? Eben haben wir schon das Thema Werte angesprochen: Wer sich einmal grundsätzlich klarmacht, welche Werte sein Handeln leiten sollten und welcher Mensch man sein will, kann für viele Entscheidungssituationen Automatismen entwickeln. Wenn ich essen gehe wähle ich ‚per default’ Salat anstatt Pizza (Gesundheitsbewusstsein). Natürlich gibt es Ausnahmen. Vielleicht geht das auch für größere Entscheidungen? Wenn mir Loyalität wichtig ist, dann sollte sich dieser Grundwert auch in Entscheidungen rund um Job, Familie, Partnerschaft etc. widerspiegeln und sich durchsetzen, wenn ich mich in Drucksituationen befinde. Routinen aufbauen macht einiges leichter und spart Energie. Trotzdem befreien sie uns nicht von der Verpflichtung jedes Mal aufs Neue unseren Menschenverstand zu gebrauchen und zu prüfen, ob es sich um einen Default-Fall handelt oder abweichendes Handeln vielleicht doch sinnvoll wäre.

Ich habe oben gesagt, dass Entscheidungen trotz allem getroffen werden müssen. Das stimmt nicht ganz. Entscheidungen müssen nicht immer aktiv getroffen werden. Man kann sie auch aussitzen, abwarten und solange abwägen, bis die Zeit oder jemand anders die Entscheidung für einen getroffen hat. Wer wochenlang überlegt, welche der beiden Mädels er jetzt ernsthafter daten soll und beide bei der Stange hält, muss sich nicht wundern, wenn am Ende beide weiterziehen. Ich habe letztens irgendwo gelesen, dass sich viele Menschen eine Autorität wünschen, die einfach mal sagt, wo es langgeht. Hier ging es eher um systemische Autorität, im Kontext der politischen Regierung. Aber im Kern ist das im privaten ja dasselbe: Wer Angst vor der eigenen (Entscheidungs-)Freiheit hat, gibt die Eigenverantwortung ab. ‚Entscheide Du für mich‘ ist der aktive Versuch der Entscheidungsauslagerung an andere. Öfter passiert allerdings die passive Variante, nämlich einfach gar nicht zu entscheiden und abzuwarten. Dann muss man sich nachher auch nicht ärgern, wenn das Ergebnis enttäuschend ist, denn man hat selber ja nicht entschieden. Im Endeffekt erhält dieses Nichtstun dann den Status Quo… aber Entscheidung kann man es nicht nennen. Ich erkenne auch manchmal Tendenzen dieses Verhaltens bei mir, aber ermahne mich dann immer schnell, mein Leben lieber in die eigene Hand zu nehmen. Lieber habe ich doch alles versucht und bin aktiv, bewusst mit dem Herz in der Hand in eine Richtung gelaufen als mich aus Feigheit zum Spielball zu machen.

Bauchgefühl – Ein paar Tage alleine in den Bergen helfen beim Entscheidungen treffen 🙂

Also, wir sind uns hoffentlich einig, dass es grundsätzlich schon Sinn macht, sich Eigenverantwortung zu erhalten und Entscheidungen zu treffen. Aber wie am besten? Kopf oder Bauch? Ich glaube, dass es beides braucht. Das Thema grundsätzliche Basiswerte zu etablieren ist definitiv eine Sache, die mir beim Entscheidungen treffen hilft. Ein weiterer Tipp ist, besser auf seine innere Stimme hören zu lernen. Die Intuition ist ein ziemlich kraftvolles Instrument. Oft befragen wir aber lieber alle Leute um uns herum, was sie denn von einer Situation halten, weil wir dem Bauchgefühl nicht trauen. Mir hilft es die Geschwindigkeit aus solchen Situationen zu nehmen und ein paar Tage nur über andere Dinge nachzudenken, vielleicht mal alleine sein und Ruhe schaffen. Dann kann ich mein Bauchgefühl besser wahrnehmen. Die innere Stimme kann ja auch sagen ‚Du brauchst mehr Informationen um zu entscheiden‘ und dann ist der Kopf wieder dran. Eine gute Verbindung zwischen beidem herstellen ist auf jeden Fall erstrebenswert – Ziel sollte sein, dass beide dasselbe antworten. Kopf sagt ja, Bauch nein oder umgekehrt? Ein Nein aus dem Bauch sollte uns dazu bringen zumindest kurz innezuhalten und die Geschwindigkeit rauszunehmen. Ein Nein aus dem Kopf kann guten Schutz gegen vorschnellen Enthusiasmus bieten, aber auch übervorsichtig machen. Deshalb hier nochmal überprüfen was die Ratio hinter dem Nein ist.

An alle, die gerade über einer schwierigen Entscheidung brüten: Freut euch! Hammer, dass ihr tolle Optionen habt und sehr spannender Moment zu zeigen, wer ihr wirklich seid und eure ganz individuelle Persönlichkeit weiter zu stärken. Und abschließend: Die perfekte Option gibt es nicht und meistens kann man (scheinbare) Fehlentscheidungen auch wieder korrigieren. Nur wer ständig Entscheidungen nicht trifft wird am Ende vermutlich unglücklich sein.

Input/Inspiration: Ted Talk von Philosophin Ruth Chang zum Thema ‚Hard choices‘
https://www.ted.com/talks/ruth_chang_how_to_make_hard_choices


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.