In vergangenen Texten habe ich immer mal wieder am Rande die Wichtigkeit von Mut angesprochen. Sich was trauen, die eigene Komfortzone verlassen und Dinge tun, die uns Überwindung kosten um was zu erreichen und das Beste aus dem eigenen Leben zu machen. Mutig sein heißt nicht angstfrei sein. ‚Du bist aber mutig. Dass du keine Angst hast, wow.‘ Falsch. Die Mutigen haben Angst, aber sie machen es eben trotzdem. Ich habe einige Leute in meinem Umfeld – Männer und Frauen – gefragt, wann sie das letzte Mal so richtig mutig waren und um was für eine Situation es ging. Interessant war erstmal zu hören, dass einige Probleme damit hatten, Mut überhaupt zu definieren. ‚Was heißt schon mutig? Ich meine klar, dass hat mich irgendwie Überwindung gekostet, aber ich musste es ja tun, ich hatte keine Wahl.‘, sagt die eine. ‚Für mich ist Mut, wenn man etwas macht, was sich gegen die Meinung von vielen stellt und eine Minderheit vertritt.‘, sagt ein anderer. Für mich selber ist Mut, wenn man etwas tut, das Überwindung kostet. Ob man es komplett aus freien Stücken tut oder vielleicht durch eine Situation dazu gedrängt wird (z.B. Präsentieren bei einem Jobinterview) finde ich erstmal egal. Man hat immer die Wahl, man könnte auch gar nicht auftauchen. Es müssen aus meiner Sicht auch nicht unbedingt viele gegen eine Sache sein, damit sie mutig ist. Die eine Stimme in deinem Kopf die dagegen ist und sich sträubt reicht schon.

Interessant fand ich auch, dass fast alle Mut-Geschichten, die mir erzählt wurden irgendetwas mit sozialen Situationen zu tun hatten. Da ging es nicht um den Bungeesprung oder alleine verreisen, sondern vor Situationen in denen man sich sozial, moralisch, psychisch überwinden musste. Ehrlich gesagt geht es in unserer Zeit ja meistens um so etwas, wenn wir über Mut reden. Dass eine Aktion wirklich Gefahr für Leib und Leben darstellt ist unwahrscheinlich. Auch die Kündigung des Jobs um einen Limonadenstand aufzumachen ist nicht wirklich riskant, dank unserer Sozialsysteme. Also, wenn wir eigentlich nichts zu befürchten haben, was macht uns so ängstlich? Die beschriebenen Situationen handelten davon vor großen Gruppen Inhalte zu präsentieren, einem anderen Menschen durch entsprechende Handlungen Interesse zu signalisieren, die Einladung zu einer Veranstaltung abzusagen, sich einem Bewerbungsgespräch zu stellen oder auf ein Date zu gehen, obwohl die letzte Geschichte doch so furchtbar gelaufen ist. Unterschwellige Angst, irgendwie ‚nicht gut genug‘ zu sein ist die Wurzel. Im Kern geht alles zurück auf die Angst vor sozialer Ausgrenzung ist die Wurzel. Kann ich wirklich eine Yoga-Stunde geben oder mache ich was falsch und alle sind unzufrieden? Soll ich ihn fragen, ob wir Kaffee trinken?Was, wenn er innerlich denkt ‚Oh mein Gott, als ob ich jemals SO Interesse an ihr hätte, wie kommt die darauf, dass ich das tun würde?‘ Was, wenn ich den Gastgeber verletze und dann nie wieder eingeladen werde, wenn ich die Einladung ablehne? ‚Wenn man sich dann überwindet fühlt es sich aber super an!‘, sagt eine Freundin. Diese kleinen Mutausbrüche fühlen sich nicht nur super an, sondern sind auch wichtig. Mut ist wie ein Muskel, je öfter man ihn benutzt, desto einfacher wird es auch. Und manche scheinbar kleinen Schritte können ja richtig große Wirkung haben. Aus dem Bewerbungsgespräch resultiert der neue Traumjob. Die Präsentation vor der großen Gruppe führt dazu, dass sich ein Zuhörer nachher meldet und man einen Riesenfolgeauftrag landet. Das Ego-Überwinden bei der Interaktion mit der interessanten Frau führt zu einer tollen Beziehung. Am Anfang steht immer nur ein kleiner Schritt.

Natürlich soll man auch nicht übertreiben und nicht übermütig und leichtsinnig werden. Man muss nicht alles machen. Sich vor jeder Mut-Action kurz zu fragen, ob sich die ‚Gefahr‘ lohnt und man mit den Konsequenzen leben kann, macht definitiv Sinn. Meistens ist das aber ja schon so. Aristoteles hat gesagt, dass Mut der Weg ist um Hindernisse zu überwinden, die uns am guten Leben hindern. Man braucht Mut, um seinen aktuellen Status Quo zu verändern und sich einzugestehen, dass da was nicht stimmt. Man braucht Mut, Dinge mal anders zu machen als andere. Mehr Vertrauen zu schenken, zu ‚overinvesten‘ und mehr von sich selbst zu zeigen. Man braucht Mut um Unsicherheiten auszuhalten und etwas zu tun, obwohl man die Reaktion nicht voraussagen kann. Aber wie wird man denn nun mutiger? Für mich gibt es da drei konkrete Punkte, die ich Freunden in solchen Situationen mitgebe und auch selber immer aufs Neue versuche zu verinnerlichen (bin auch ein ziemliches Problemkind an der Stelle).

  • Abhängigkeiten verringern: Von einer starken Basis aus lässt es sich viel einfacher mutig sein. Deswegen hilft es sich mal zu überlegen oder aufzuschreiben, was man schon alles geschafft hat, wer alles hinter einem steht. Es gibt so viele Personen, die einen lieben genauso wie man ist – egal was in der Situation jetzt rauskommt. Das eigene Glück und der eigene Selbstwert ist nicht abhängig von der positiven Bestätigung im Bewerbungsverfahren, bei der Präsentation oder beim Dating. Wenn es keinen positiven Ausgang nimmt, dann ist das ebenso. ‚Mund abputzen, weitermachen!‘, sagt mein Papa immer. Wenn man vom Ergebnis nicht mehr so abhängig ist, fällt das mutig sein leichter.
  • Krafttraining: Wie gesagt, Mut kann man trainieren. Man darf allerdings keine zu langen Trainingspausen machen, dann wird man zurück geworfen 🙂 Also, einfach mit kleinen Sachen anfangen um sich selber zu zeigen, dass nichts Schlimmes passiert und man es kann. Mut ist allerdings ziemlich kontextabhängig: während man in manchen Bereichen gar keine Ängste zu überwinden hat, gibt es in anderen Problemen. Schaut also welcher Bereich euer Problemkind ist und startet ins Training. (Sidenote: Echtes Krafttraining steigert übrigens auch das Selbstbewusstsein. Wer aus Köln Lust hat zu trainieren und Motivation sucht – schreibt mir 🙂 )

  • Vision entwickeln: Ein Warum zu haben ist super kraftvoll. Wofür lohnt es sich mutig zu sein? Was kann ich damit alles erreichen? Wenn sich in der jeweiligen Situation sein ‚warum‘ mal vor Augen führt und sich überlegt, was das Upsidepotential ist, was alles Gutes kommen kann, wenn man sich eben überwindet… dann geht es leichter 🙂

So, das waren meine Gedanken zum Thema Mut. Leider kein Geheimrezept, aber zumindest mal ein paar Ideen. Und zuletzt noch ein Appell: da wir ja gesehen haben, dass insbesondere soziale Situationen bei vielen Menschen angstbehaftet sind und Mut erfordern, können wir es uns allen vielleicht ein wenig leichter machen. Aufeinander zugehen, Menschlichkeit zeigen, einmal mehr ein Lächeln spendieren, Mut wertschätzen und einfach respektvoll miteinander umgehen hilft schon sehr und sorgt dafür, dass Menschen sich nicht verkriechen und das Mutig-sein verfluchen, wenn es einmal nicht zu dem gewünschten Ausgang geführt hat.

BTW: In meinem Buch gibt es auch ein Kapitel zum Thema Mut. Und noch einige andere hoffentlich hilfreiche Anregungen. Ihr bekommt es hier: Link zum Buch


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