Wenn ich so darüber nachdenke, was ich in der letzten Zeit gelernt habe oder was eine wichtige Erkenntnis war dann ist es diese: Life is NOT a journey. Das Leben ist keine Reise, es gibt kein Ziel, an dem wir ankommen werden. Als ich das wirklich gecheckt habe, hat sich in mir etwas verändert. Ich möchte euch das Ganze erklären. Vielleicht hatte der ein oder andere die Erkenntnis selbst noch nicht erlangt, ist aber an einem Punkt an dem sie helfen kann. Das sage ich dazu, man muss irgendwie innerlich bereit sein es zu verstehen bzw. vielmehr verstehen zu wollen, denn kompliziert ist an dem Ganzen nichts, es zu verinnerlichen ist dennoch eine Herausforderung

Im Leben arbeitet man immer auf irgendwas hin. „Jetzt gerade legst du den Grundstein für dein Leben, Liesa.“, hieß es in der Schulzeit. Das Abitur als Eintrittskarte in die „richtige Welt“. Dann kommt das Studium, gespickt mit diversen Praktika – alles als Vorbereitung für den Jobeinstieg. Jahrelang hart arbeiten an der Uni um bei einem Top-Arbeitgeber zu landen. Yay, geschafft! Dann ist es natürlich nicht vorbei, man hat den nächsten Meilenstein vor Augen: Beförderung! Mein Vater hat auch manchmal gesagt: „Ach komm, das machst du jetzt paar Jahre bis du 40 bist und dann hast du so viel Geld verdient, dass du nicht mehr viel machen musst.“ Ich habe schon früher ein bisschen an diesem Konzept gezweifelt: Jetzt Zeit „opfern“ um nachher genießen zu können? Aber was, wenn ich vorher sterbe? Ja ich weiß, das ist etwas schwarzgemalt, aber ganz ehrlich, wir könnten jeden Tag von einem Auto überrollt werden. In den letzten Jahren habe ich meine Freunde und Kollegen beobachtet und ihnen zugehört. Wenn man sich Montag schon auf Freitag freut und ständig die Tage bis zum nächsten Urlaub zählt kann doch irgendwas nicht stimmen. Da arbeitet man nicht mehr nur auf einen „großen Meilenstein“ (z.B. Beförderung) hin, sondern auch im Kleinen denkt man heute schon an die Zukunft, motiviert sich dazu im Jetzt zu funktionieren um im Morgen die Früchte ernten zu können.

 

Während meiner Tätigkeit in der Unternehmensberatung habe ich in Firmen mit Menschen gesprochen, die nur noch auf die Rente warten. Auch außerhalb meines Jobs habe ich solche Menschen kennengelernt. “Ich habe mich so viele Jahre für diesen Laden verausgabt, jetzt reicht es. Ich mache noch das nötigste und sitze die Zeit ab.“, heißt es mit leichter Verbitterung in der Stimme. Wenn ich an meine unzufriedenen Freunde und die verbitterten Konzernarbeiter denke, läuft es mir eiskalt den Rücken runter. Das Leben beginnt nicht nach irgendeiner künstlichen Schwelle wie der Beförderung oder dem Renteneintritt. Das Leben passiert jeden verdammten Tag lang. Jeden Tag, an dem wir Opfer bringen, Prioritäten verschieben und „aushalten“, um diesem Ziel näher zu kommen. Oft wissen wir gar nicht so richtig, warum wir diesem Ziel entgegenarbeiten. Wieso wollen wir dahin, was versprechen wir uns vom dem Leben post-Zielerreichung. Ist es ein Titel, ein monatlicher Gehaltscheck, ein Statusgefühl, Freiheit, Zeit? Versteht mich nicht falsch – ich sage nicht, dass Ziele Quatsch sind. Wir brauchen Ziele. Und es kann auch beides absolut zusammen funktionieren – wir können Ziele haben, auf diese hinarbeiten und dabei glücklich sein. Nur leider läuft das in der Realität oft anders – und wenn das eben nicht so ist, wenn man oft Dinge aushalten muss auf dem Weg zum Ziel dann sollte man überlegen.

 

 

Wer mich kennt, weiß, dass ich sehr zielorientiert und diszipliniert arbeite und kein viel-chillender Hippie bin. Aber ich habe verstanden, dass das Leben keine Reise ist, sondern immer passiert. Dementsprechend horche ich regelmäßig in mich selbst hinein und schaue, ob ich es lebe. Eine gute Regel für mich ist die 80:20 Richtlinie. Das bedeutet in diesem Kontext, dass ich mich regelmäßig frage ob es mir auf dem Weg zum Ziel 80% der Zeit gut geht. Bin ich 80% des Tages zufrieden, mit dem was ich tue? Bin ich 80% der Woche zufrieden? 80% des Monats, Jahres? Natürlich gibt es Tage, an denen ehrlich gesagt weit über 50% Scheiße sind. Das heißt nicht, dass ich sofort meinen Job kündige oder den PhD abbreche. Aber ich schaue mir das dann auf Wochenbasis an. Wenn in einer Woche dann fast alle Tage so sind, schaue ich mir den Monat an, denn vielleicht war es nur eine ‚besondere‘ Woche. Man muss da seinen Menschenverstand gebrauchen bei der Bewertung … aber da wird jeder ein Gefühl für haben. Wer sich mehrere Monate lang Montag wie Bolle auf Freitag freut, sollte ehrlich zu sich selber sein, einen langen Spaziergang machen und über Veränderungsmöglichkeiten nachdenken.

 

Den Status Quo zu verändern ist immer anstrengend. Veränderung kostet Mut und Kraft – aber ist manchmal einfach wahnsinnig wichtig. Es bringt NICHTS zu leiden – dafür bekommt ihr nichts. Wenn man etwas, was wirklich nicht gut ist, lange aushält beweist man sich damit selber nicht, dass man so super stark und unerschütterlich ist, sondern verliert Lebenszeit. Und das ist nicht nur einem Selber gegenüber unfair, sondern auch der Gesellschaft. Denn jeder von uns kann irgendwas richtig gut und das sollte anderen nicht vorenthalten werden. Und die Dinge die man richtig gut kann sind im Regelfall auch die, die einem viel Spaß machen. Wer viel Spaß bei einer Sache hat fühlt Leichtigkeit und investiert gerne Zeit besser zu werden. Es ist also nicht nur gut für euch, sondern auch strategisch klug. 🙂

 

Das Leben setzt sich nicht nur aus großen Meilensteinen zusammen, sondern aus vielen kleinen Mosaik-Steinchen. Und so sollten wir auch Erfolg nicht immer auf der Makro-Ebene sehen, sondern auch im Kleinen wertschätzen. SPD-Politikerin Katarina Barley hat letztens in einem Podcast-Interview gesagt, dass für sie Erfolg heißt, abends ins Bett zu gehen und zu sich selbst zu sagen: ‚Mit dem Tag heute bin ich zufrieden.‘. Wenn man Erfolg so betrachtet, macht auch die Reise zu den größeren Meilensteinen mehr Spaß. Und man merkt schnell, wenn das eben nicht gegeben ist und man viele Tage hintereinander diesen Gedanken nicht hat.

 


Auch das Leben -> Ein Morgenlauf im Englischen Garten

 

Ihr merkt vielleicht, dass mir dieses Thema sehr am Herzen liegt. Ich kann nicht ertragen, wie Leute tagein tagaus Dinge tun, die sie nicht mögen – nur weil es jemand erwartet, weil sie es selber von sich erwarten. Es gibt keinen Topf voll Gold am Ende des Tunnels… der Tunnel selber ist das Gold. Lebt ein Leben, das ihr wirklich toll findet. 80% der Zeit zumindest 🙂 Dieser Text ist nicht gedacht um euch dazu anzustiften, sofort den Job zu kündigen oder andere radikale Schritte zu vollziehen. Ich bin mir im Klaren, dass viele Menschen auch nicht nur sich selber versorgen müssen und auf das Gehalt ihres Jobs angewiesen sind. ‚Die hat gut reden, aber wovon sollen wir leben, wenn ich jetzt meinem Traum nachgehe und Künstler werde/ein Café eröffne/’filltheblank‘?‘ Nein – so meine ich es ganz sicher nicht. Aber letzten Endes trägt jeder von uns die Verantwortung für seine Entscheidungen und seine Prioritätensetzung selbst. Niemand ist alternativlos in einer Situation gefangen. Alternativen – sinnvolle, realistische alternative Optionen – gibt es immer. Die umzusetzen mag manchmal etwas Zeit und Mühe kosten – aber es gibt sie, man muss sich nur erlauben zu suchen.

 

That‘s it – ich möchte euch anhalten, öfters nach innen zu schauen und zu überprüfen, wie es gerade um euch selbst steht. Ein schönes Video vom Philosophen Alan Watts, der das Ganze nochmal schön erklärt, findet ihr hier: https://www.youtube.com/watch?v=rBpaUICxEhk  (Englisch)


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