Als ich 20 Jahre alt war – also 2012/2013 – habe ich für ein knappes Jahr in China gelebt. Ich habe in der Landeshauptstadt Peking zuerst ein Auslandssemester an der Beijing University gemacht und danach einen Intensiv-Sprachkurs an der Tsinghua University absolviert. Gelebt habe ich in zwei verschiedenen Wohngemeinschaften mit deutschen Kommilitonen. Die Zeit in China war sehr prägend für mich und ich erinnere mich immer sehr gerne daran zurück. Ich würde auch super gerne nochmal für eine Zeit nach China – bisher hat es noch nicht so richtig gepasst, mal schauen. Ich möchte euch in diesem Artikel von meinem Auslandsaufenthalt erzählen. Aber anstatt chronologisch zu beschreiben, was ich erlebt habe, möchte ich mit euch teilen, was ich rückblickend während der Zeit in China gelernt habe.

1. Andere Länder, andere Realitäten

Der Spruch ‚Andere Länder, andere Sitten‘ hat mich in China in voller Härte getroffen. Ich bin vorher mit einer lieben Freundin für mehrere Monate durch Asien gereist, das heißt mein erster ‚Kulturschock‘ ist schon ein paar Wochen vor meiner Ankunft in China passiert. Auch innerhalb Asiens ist jedes Land nochmal anders und China nochmal ganz speziell, aber die Grundandersartigkeit habe ich auch schon im touristenfreundlichen Thailand gespürt. Es war so verrückt zu sehen, was es alles gibt und dass meine Realität zu Hause einfach nur eine Facette ist. Asiatische Großstädte sind nicht mit deutschen zu vergleichen. Bangkok ist heiß, laut, stickig und riecht komisch. Klar, die Sprache ist anders. Aber auch andere Kulturelemente – zum Beispiel das Essen. Es gibt so viel zu entdecken. Ich kann es gar nicht richtig beschreiben, dazu muss man selber reisen. Aber es hat mich einfach umgehauen zu realisieren, dass ich eine absolut beschränkte Sicht auf die Welt haben werde, wenn ich sie nicht bereise.

Das Jahr in China hat diese Erkenntnis weiter gestärkt. Es war teilweise nicht immer einfach, man muss sich wirklich erst an die krassen Unterschiede gewöhnen. Manche Dinge sind cool, wie zum Beispiel die Art zu Essen. In China sitzt man oft an runden Tischen, mit einer Drehscheibe in der Mitte. Das gesamte Essen wird dort positioniert und es wird geteilt. Natürlich isst man mit Stäbchen. Was sich im ersten Moment komisch anfühlt, wird bald zur Normalität. Heute vermisse ich die chinesische Art zu Essen und auch die chinesische Küche total. Und frittiertes Hühnchen in süß-sauer Soße ist NICHT was ich meine J Andere Dinge sind wirklich eher schwierig – beispielsweise das ständige laute Nase hochzuziehen und Rotz auf den Boden spucken. Das machen insbesondere Herren gerne, aber auch Frauen eines jeden Alters. Es ist also ganz normal, wenn eine Frau auf hohen Schuhen plötzlich vor dir auf den Boden spuckt. Die Rotzerei vermisse ich nicht so sehr.

Neben den alltäglichen Dingen machen natürlich auch größere strukturelle Unterschiede die andere Realität aus. In China regiert die Kommunistische Partei autoritär. Als ich dort gelebt hab war Facebook verboten. Bis 2015 durften Eltern nur ein Kind bekommen – per Gesetz geregelt. Nirgendwo auf der Welt werden so viele Menschen hingerichtet wie in China – Menschenrechte generell haben dort noch einen schlechten Stand. Alles Dinge, die so anders sind als im Westen. Mir hat meine Zeit in China – oder auch Asien generell – dass die Welt nicht an der deutschen oder von mir aus europäischen Grenze aufhört. Es gibt Länder, in denen erleben die Menschen eine ganz andere Realität. Das fängt bei der heißen Suppe zum Frühstück an und hört bei dem Umgang mit Grundrechten auf.

2. Deutschland ist schön

Anknüpfend an den ersten Punkt habe ich mein Leben hier in Deutschland definitiv zu schätzen gelernt. Versteht mich nicht falsch, ich liebe reisen, will die Welt entdecken und auch gerne wenn es sich ergibt nochmal wo anders leben. Aber Deutschland ist einfach der Hammer. Ich habe in Asien gelernt, dass Dinge die ich für selbstverständlich hielt es einfach nicht sind. Das eine ist der große Punkt des ‚sich auf das offizielle System verlassen können‘. Wenn in Deutschland ein Busfahrplan ausgeschrieben ist, dann kann ich mich darauf verlassen, dass der Bus auch kommt. Eventuell ein paar Minuten später – es mag auch mal einer ausfallen. Aber in Asien sind diese Pläne bedeutungslos, die Busse fahren wann sie wollen. Ist ja auch in Ordnung, kann man sich drauf einstellen. Aber die Sicherheit fehlt eben komplett. Dann das Thema Polizei und Korruption. In Deutschland ist die Polizei dein ‚Freund und Helfer‘. Auch wenn es sicher schwarze Schafe gibt – grundsätzlich habe ich ein Urvertrauen in unser System. Wenn ich ein Problem habe und mich an einem Polizisten wende, wird der mir helfen oder es zumindest versuchen. In Asien gilt das nicht so ganz. Hier geht es viel um Beziehungen und um Geld. Erst wenn man dieses beruhigende Gefühl von ‚Wenn was passiert gibt es Menschen die sich einsetzen‘ nicht mehr hat, merkt man wie wichtig es für die innere Ruhe ist. Und als wie selbstverständlich man es zuhause ansieht. Auch solche Dinge wie Hygienestandards und andere Regelungen – da kräht in Asien kein Hahn nach. Sollte es eine Regel und eine Kontrollinstanz geben, kann man mit ein paar Scheinen auf jeden Fall den Stempel für das nächste Jahr kaufen. Bestimmt gibt es Aspekte bei denen wir überregulieren und bei denen wir Deutsche uns entspannen sollten – aber ganz grundsätzlich tut es unfassbar gut, zu wissen, dass man in einem funktionierenden System lebt auf das man sich verlassen kann.

    3. Life is tough, but you are tougher

    Meine Mutter hatte eine Heidenangst als ich nach Asien aufgebrochen bin. Ob ich das alles hinkriege, die ganzen Gefahren, so weit weg. Ich habe sie gut verstehen können, aber wollte dennoch los und habe eigentlich auch immer daran geglaubt, dass ich das schon irgendwie hinkriegen werde. Beim Reisen haben meine Freundin Imke und ich uns eigentlich gut geschlagen, aber so richtige Herausforderungen gab es nicht, Backpacking in Asien ist recht einfach. In China war es zeitweise schon nicht so einfach. Ich bin ohne Wohnung dorthin und musste mir mit chinesischen Grundkenntnissen eine Wohnung suchen, den Papierkram machen. Das war nicht so einfach, man wusste auch nie so richtig wer einen jetzt eventuell verarschen will oder nicht (siehe Punkt 2) – war einfach anstrengend. Ich war gleichzeitig die ganze Zeit im absoluten Sparmodus unterwegs, weil meine Familie mich zu der Zeit finanziell nicht unterstützen konnte und ich von meinen Praktikumseinnahmen vom Vorsommer lebte. Das hat es nicht einfacher gemacht. Dann gehen natürlich auch schon mal Dinge schief: Der Geldautomat saugt deine Kreditkarte ein und du kommst erstmal nicht an Geld. Oder die Heizung fällt bei Minusgraden im tiefsten Winter aus und die ‚Landlady‘ (Landmonster, die Vermieterin war echt uncool) kümmert sich einfach nicht. Das Heizungsthema hat uns echt längere Zeit beschäftigt, ich habe für mehrere Wochen in Winterjacke geschlafen und im Fitnessstudio geduscht, weil wir einfach nur kaltes Wasser hatten. Dann wurde mein Fahrrad geklaut. Weihnachten wurde ohne die Familie gefeiert, das erste Mal alleine. Jetzt aus der Ferne klingt das irgendwie alles nicht so schlimm. Waren ja auch keine super schlimmen Dinge, aber war in Summe einfach anstrengend so auf sich gestellt zu sein und wirklich ALLES selber lösen zu müssen. Aber was habe ich gelernt? Ich habe gelernt, dass ich eben auch alles alleine schaffen kann. Die Zeit in China hat mich definitiv stärker gemacht, hat mir Selbstvertrauen gegeben und mich zum ‚Stehaufmännchen‘ gemacht. Auch wenn ich jetzt zum Glück nicht immer alles selber machen muss sondern auch mal um Hilfe bitten kann, ich weiß, dass ich im Zweifel fantastisch allein klarkomme. Und ich habe einen kraftvollen Glauben daran, dass man alles schaffen und alles erreichen kann – wenn man sich genug bemüht, nicht aufgibt und wieder aufsteht, wenn man mal fällt. Das ist ein gutes Gefühl.

    Ja, das waren meine drei wichtigsten Learnings aus der China-Zeit. Es war mit Sicherheit nicht das klassische Party und Chill-Auslandssemester, aber es war eine wunderbare Episode. Ich habe Freunde fürs Leben gefunden und mich weiterentwickelt. Ich kann deshalb jedem ans Herz legen mal eine Zeit im (ferneren) Ausland zu leben und sich voll auf die Kultur einzulassen. Das ist eine ganz wertvolle Erfahrung, auch wenn es zwischendurch mal anstrengend ist. Growth happens outside your comfort zone sagt man ja J Da stimme ich zu.

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