Ihr Lieben,

ich möchte diesen Blog nicht nur nutzen um meine Gedanken zu verschiedenen Themen zu teilen, sondern auch um tolle Menschen, die mich inspirieren, vorzustellen. So oft habe ich in der Vergangenheit Leute getroffen und gedacht ‚Wow!‘, wenn doch nur mehr Menschen sie/ihn kennenlernen könnten. Deswegen werde ich euch in unregelmäßigen Abständen diese Personen vorstellen. Es gibt kein fixes Format, ich habe die Personen getroffen und interviewt – und teile hier einfach meine Inspiration 🙂

 

Heute starten wir damit – ich stelle euch vor: Waltraud, auch genannt Wally. Eine wunderbare Frau, die schon ihr Leben lang unablässig für Nächstenliebe und Menschlichkeit einsteht. Direkte Zitate in kursiv 🙂

 

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‚Ich bin Sozialarbeiterin mit Leib und Seele‘

 

Wally ist 67 Jahre alt und Kölnerin. Sie ist seit drei Jahren in Rente – und hat davor lange Zeit als Sozialarbeiterin gearbeitet, Schwerpunkt jugendliche Straftäter.  Auch in der Rente engagiert sie sich weiterhin, jetzt für Demenzkranke und Asylanten. Wally hat ein besonderes Menschenbild und beeindruckt mich durch ihren ständigen Einsatz für andere – und deshalb wollte ich sie interviewen.

 

 

‚Also eins steht fest: Was Neues ausprobieren macht auf jeden Fall nicht dümmer.‘

 

Wally ist als erste Tochter eines taubstummen Ehepaars geboren und hatte es somit nicht wirklich leicht. Wenn die Eltern nicht hören und nicht richtig sprechen können, ist eine normale Entwicklung für die Kinder schwer möglich – oder war es zumindest damals. Wally hat von Beginn an viel Verantwortung tragen müssen: ‚Als mein kleiner Bruder krank war, bin ich mit ihm zum Arzt gegangen. Da war ich selber 12 Jahre alt, aber war immer schon die Ansprechpartnerin.‘  Wally wollte damals Gehörlosenpädagogin werden. ‚Mich hat das total genervt, dass in der Schule für Gehörlose der absolute Fokus darauf lag, Sprechen zu lernen. Gebärdensprache wurde nicht als Kommunikationsmittel benutzt, obwohl das ja auch geht. Und bei diesem Fokus auf ‚richtiges Sprechen lernen‘  ist so viel Anderes auf der Strecke geblieben, Allgemeinbildung und so weiter.‘ Wally ist am Ende keine Lehrerin geworden, sondern Sozialarbeiterin. Durch ein paar Zufälle ist sie im Studium für soziale Arbeit gelandet und hat zunächst in einem Bürojob Sozialkonzepte entwickelt. So richtig glücklich war sie dort nicht. ‚Da muss man globaler denken um den Einfluss zu sehen, von solchen Konzepten. Da machst du heute was und in fünf Jahren zahlt es sich aus. Aber das war nichts für mich, ich wollte lieber direkt mit Menschen arbeiten und direkt was bewegen.‘ Dann ergab sich eine Chance und der Vorstand eines Vereins zur sozialen Unterstützung straffällig gewordener Jugendliche sprach sie an und bot ihr die Geschäftsführung an. ‚Ich habe keine Ahnung wieso der mich gefragt hat. Ich hatte von Tuten und Blasen keine Ahnung, aber habe dann einfach zugesagt. Ich bin schon mutig, schon immer gewesen. Ich dachte mir einfach, was soll schon passieren. Also eins steht fest: Was Neues ausprobieren macht auf jeden Fall nicht dümmer. Wenn es nichts wird, dann mach‘ ich halt wieder was Anderes.‘

 

‚In jedem Menschen steckt was Positives. Ich begegne jedem auf Augenhöhe. Immer.‘

 

23 Jahre lang hat Wally dort mit kriminellen Jugendlichen, die von Richtern oder Staatsanwälten vermittelt wurden, gearbeitet. Sie hatte mit einer Bandbreite von Fällen zu tun, vom notorischen Schwarzfahrer bis hin zum 16-Jährigen, der schwere Körperverletzung begeht. ‚Du kriegst da alles mit. Man ist ja sehr nah dran an den Jugendlichen. Ich habe irgendwie immer die richtig schweren Fälle abbekommen.‘ Auf die Frage, wie sie es geschafft hat, die Probleme nie mit nach Hause zu nehmen sagt sie: ‚Da war ich schon immer gut drin. Ich kann gut auf mich aufpassen und spüre, wenn mich etwas zu stark belastet. Dann ziehe ich Grenzen.‘ Ich habe Wally auch gefragt, wie sie es schafft, Menschen, die am Rande der Gesellschaft leben, vielleicht gewalttätig sind oder körperlich verwahrlost, immer mit Respekt zu begegnen und sich nicht wegzudrehen. ‚Klar habe ich manchmal gedacht ‚Ach du Scheiße.‘. Aber ich sehe da irgendwie durch die äußere Schale durch. In jedem Menschen steckt was Positives. Ich begegne jedem auf Augenhöhe. Immer.‘ Diese Fähigkeit nutzt Wally noch heute. Sie betreut Demenzkranke und kümmert sich um Flüchtlinge. ‚Ich habe am Anfang der Rente sechs Monate nichts gemacht und dann aber realisiert, dass ich den Leuten noch was geben kann. Das mache ich jetzt.‘

 

‚Ich bin noch nicht am Ende. Ich bin wirklich noch lange nicht am Ende.‘

Wenn man – wie ich gerade – Mitte/Ende Zwanzig ist denkt man vielleicht so ein paar Jahre in die Zukunft, bis 30,40. Was hat man noch für Karrierepläne, man sieht sich vielleicht irgendwann mit Kindern – aber das ist es. So geht es mir selber zumindest, ich vergesse oft, dass jenseits der 40 auch noch einiges kommt und man (hoffentlich) noch viel Lebenszeit zu füllen hat. Wally hat mir das nochmal klargemacht, durch ihren Elan und ihre Erzählungen. ‚Ich habe jetzt angefangen zu gärtnern, das macht Spaß. Und frische gerade mein Englisch auf. Ein Traum von mir ist es noch Klavier spielen zu lernen – das ging natürlich mit Taubstummen Eltern nicht. Mal schauen, da kommt noch einiges. Ich bin noch nicht am Ende. Ich bin wirklich noch lange nicht am Ende.‘

 

‚Vertrauen haben, Chancen geben und machen lassen funktioniert fast immer.‘

 

Wally war 23 Jahre lang Führungskraft und hat ein kleines Team von acht bis zehn Leuten geleitet. Man könnte sie auch Krisenmanagerin nennen, denn der Alltag in einem sozialen Dienst für kriminelle Jugendliche ist stressig, herausfordernd und erfordert Flexibilität und Einsatzbereitschaft. Da sähen wir Unternehmensberater und Investmentbanker vermutlich recht alt aus. Auf die Frage, wie sie ihren Führungsstil beschreiben würde und welchen Ratschlag sie anderen (zukünftigen) Teamleitern geben würden sagt Wally: ‚Also ich habe immer vertraut. Jeder Mensch ist anders und hat andere Stärken, manche Menschen sind analytisch stark, andere künstlerisch begabt. Die kann man aber nur entfalten wenn man sich wohlfühlt, wertgeschätzt fühlt.‘  Wurde ihr Vertrauen mal missbraucht? ‚Ja, einmal hat ein Mitarbeiter das etwas ausgenutzt, aber als ich das gemerkt habe, habe ich es offen angesprochen. Ansonsten, Nein. Vertrauen haben, Chancen geben und machen lassen funktioniert fast immer.‘

 

Ich fand das Gespräch mit Wally sehr inspirierend und hoffe ihr könnt auch etwas mitnehmen. ‚Meine Stärke ist Menschlichkeit. Ich bin einfach gut im Zwischenmenschlichen.‘, sagte sie. Das stimmt definitiv – und Wally lebt das auch im Alltag, hat ein gutes Verhältnis zu Nachbarn. ‚Ich bin immer erstmal nett zu jedem und unterstütze wo ich kann. Dafür erwarte ich nichts – wenn dann was zurückkommt, umso schöner.‘

Auf die Frage, welche Botschaft sie auf ein riesiges Plakat, das für zwei Wochen am Dom hängt und dementsprechend viel gesehen wird, schreiben würde, sagt Wally: ‚Seid menschlicher. Geht aufeinander zu, habt Vertrauen. Wir mögen noch so unterschiedlich sein – aber Mensch, das sind wir alle.‘

Das war zwar nicht nur ein Satz, aber damit würde ich hier gerne schließen 🙂

Kategorien: Allgemein

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