Im professionellen Kontext hält man Gefühle oft zurück. Wer zeigt, dass er Angst hat, unsicher oder wütend ist, gilt schnell als hysterisch, nicht belastbar oder cholerisch. Das an sich ist nicht optimal und ein eigenes Thema. Hier soll es aber um ein anderes Gefühl gehen – nämlich um Neid. Während man im privaten Kontext, im Kreis seiner Lieben, sagen darf, wenn man traurig oder ängstlich ist und auch ein Wutausbruch verziehen wird, gibt man Neid nicht zu. Denn Neid ist verpönt und wirft wirklich kein gutes Licht auf einen – nicht umsonst ist es eine der sieben Todsünden. Gleichzeitig hat aber jeder von uns dieses Gefühl schon mal erlebt – dieses komische, kurze Ziehen in der Brust, wenn jemand anderes von einem tollen Erfolg berichtet oder super Neuigkeiten hat. Toll, freut mich für dich, aber was ist denn mit mir?

Woher kommt dieses Gefühl des Neids? Die Basis ist immer ein (wahrgenommener) Mangel an irgendwas. Es besteht eine Lücke zwischen der anderen Person und mir bei einem bestimmten Aspekt. Grundsätzlich kann man auf alles neidisch sein: Aussehen, Karriereerfolg, finanzielle Situation, Beliebtheit, privates Glück, Fitness…  Wenn es euch geht wie mir, ist Neid kein ständig präsentes Problem, sondern im Großteil der Fälle kann ich mich aus vollem Herzen für meine Lieben freuen, wenn ihnen was Gutes passiert oder sie einfach in Summe zufrieden sind und mir davon erzählen. Nur in seltenen Momenten steigt das blöde Gefühl auf. Wenn ich diese Situationen mal analysiere und von all den anderen abgrenze, in denen Neid kein Problem ist, komme ich zu folgendem Schluss: Die Wahrscheinlichkeit für Neid ist höher, wenn das was der andere hat oder bekommt für mich aktuell von hoher Relevanz ist. Und es wird noch befeuert, wenn die andere Person mir sehr ähnlich ist. Wenn ich beispielsweise gerade meinen Job verloren habe und meine Freundin und ehemalige Kommilitonin, die komplett dieselbe Ausbildung genossen hat wie ich, mir strahlend von ihrer Beförderung erzählt, ist das ein sehr fruchtbarer Boden für Neid. Wäre ich selber erfolgreich und glücklich im Job würde es mir weniger ausmachen. Wäre es meine Chefin mit 10+ Jahren mehr Berufserfahrung ebenfalls.

Jetzt sagen viele, dass es doch manchmal auch gut und konstruktiv sein kann,  sich mit anderen aufwärts zu vergleichen und neidisch zu werden, weil man dadurch eigene Lückenfeststellt, an denen man bewusst arbeiten kann. Grundsätzlich stimmt das, denn Neid muss nicht immer gleich Missgunst sein und zu sehen, dass jemand anders etwas hat, das ich gerne hätte, kann sicher motivierend sein. Trotzdem glaube ich, dass beide Gefühle sehr oft Hand in Hand gehen – weil wir einfach nicht anders können. Und dann wird es unangenehm, denn Missgunst weckt das Schlimmste in uns auf und führt zu destruktivem Verhalten, bis hin zur Sabotage. Wer jetzt sagt ‚Ach, ich bin vielleicht neidisch, aber würde meiner Freundin/Arbeitskollegin/… doch nie Steine in den Weg legen, völlig übertrieben.‘, ja, sehr gut. Aber es gibt so viele kleine und subtilere Vorstufen. Alleine schon sich nicht aus vollstem Herzen freuen zu können ist problematisch, selbst wenn die Freundin es nicht merkt, denn man selber spürt es und es belastet. Vielleicht gratuliert und lobt man nicht so wie man sollte, verunsichert durch kritische Fragen oder zweifelnde, herunterspielende Kommentare. Vielleicht meidet man auch in den nächsten Wochen ihre Gesellschaft, weil man es nicht ertragen kann. Oder man erklärt in zukünftigen Gesprächen, dass das Karriereding ja eh nicht so das Eigene sei und sie doch bitte aufpassen soll, nicht zu verbissen zu werden und falsch zu priorisieren. Nicht weil man wirklich besorgt ist, sondern getrieben vom giftigen Stachel des Neids. Das war jetzt mal eine hypothetische Situation, um es zu verdeutlichen. Dasselbe könnte man durchspielen für privates Glück, mutige Schritte (z.B.. Unternehmensgründung) oder kleinere Dinge wie eine besondere Reise.

Neid ist am schlimmsten für die Person, die ihn verspürt.

Neid ist blöd, weil er Beziehungen belastet. Im Berufskontext hemmt er den Unternehmenserfolg, wenn beispielsweise ein Kollege einem anderen den Erfolg nicht gönnt. Im Privaten belastet er Beziehungen jeder Art und man selber leidet auch, fühlt sich irgendwie vergiftet und versäumt es, seine Energie in dieser Zeit auf andere Dinge zu konzentrieren.

Wir sind uns also einig, dass Neid nicht cool ist. Und wenn wir alle ganz ehrlich sind, haben wir sicher auch schon mal eine Situation, wie oben beschrieben erlebt, in welchem Schweregrad auch immer. Oft erwischt man sich dann ja selber dabei – und durch Arbeit an sich selber geht das immer schneller und man wird immer effektiver darin, Neid umzuleiten. Was kann man tun, um sich selber in Neidvermeidung zu trainieren? Hier sind drei Vorschläge:

  • Fokus auf sich selbst: Klassiker und auch hier wieder die Basis. Wer sich auf sich selber konzentriert und seine eigenen Werte, Ziele und Prioritäten klar definiert hat, vergleicht sich seltener mit anderen. Man ist dann einfach nicht so leicht von seinem Weg abzubringen und muss weniger nach links und rechts gucken. Jemand anderes hat gerade eine Weltreise gemacht, wurde befördert, ist schon Mutter geworden? Super, richtig cool. Aber gerade nichts für mich, mein Plan ist ein anderer – ich muss jetzt nicht gleich alles in Frage stellen.
  • Neid als Alarmanlage: Wenn ich mich trotzdem vergleiche und spüre, dass eine Situation Neid in mir hervorruft, dann sollte ich das als wichtiges Signal werten und nicht ignorieren. Hier habe ich anscheinend einen Mangel, der mir zu schaffen macht. Muss ich an irgendeiner Stelle meine Prioritäten überdenken oder mein Verhalten ändern, um die Lücke hier zu schließen? Oder war es Fehlalarm, und wenn ich genau darüber nachdenke, passt das nicht in mein Modell. Wenn die Antwort ist, dass das Gefühl des Mangels real ist, dann muss ich handeln und versuchen in meinem eigenen Leben einen oder mehrere Schalter umzulegen.
  • Großzügigkeit und Liebe: Wenn man sich ganz grundsätzlich einmal klar macht, dass jeder – wirklich jeder – Mensch sein Päckchen zu tragen hat und negatives, destruktives Verhalten in seinem Umfeld echt nicht brauchen kann, fällt es viel leichter positiv zu bleiben. Sich für andere freuen, großzügig mit Komplimenten, Lob und Vertrauen sein macht Spaß, tut gut und kommt irgendwie ja auch wieder zurück. Ich sage bewusst auch Vertrauen denn oft drückt sich Neid auch darin aus, dass wir die Pläne anderer anzweifeln und sie damit verunsichern. Das hilft nicht. Jeder Mensch hat in sich selbst schon genug Zweifel und braucht grundsätzlich eher Unterstützung, da kann man sich ziemlich sicher sein. Also in Summe, wenn man sich selber dazu entschieden hat Mitmenschen grundsätzlich mit Wohlwollen und Liebe zu begegnen, hat Neid es schwer.

Also, zusammenfassend: Neid ist ein Gefühl, das totgeschwiegen wird, weil es verpönt ist. Es ist aber nur menschlich und ereilt jeden ab und an mal, selbst wenn man grundsätzlich noch so sehr bei sich ist und Vergleiche vermeidet. Zu verstehen, dass Neid ein Signal ist, das eigene Leben und gesetzte Prioritäten mal auf den Prüfstand zu stellen ist hilfreich und macht es leichter, den Grundsatz, allen wohlwollend und unterstützend zu begegnen, einzuhalten.

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