Wow, San Francisco. Ich habe in den letzten Jahren viele Städte gesehen und mich auch in einigen etwas länger aufgehalten. Jetzt war ich im Mai 10 Tage in San Francisco, Working Holiday. Ich habe bei meiner lieben Freundin und Kollegin Johanna wohnen können und konnte aus unserem Firmenbüro (mit atemberaubender Aussicht) heraus an meiner Doktorarbeit schreiben – perfekt also. San Francisco hat irgendwie mehr mit mir gemacht als ich erwartet hätte. Die Stadt ist ziemlich besonders – sie liegt am Meer, hat viel wilde Natur in unmittelbarer Nähe, ist irgendwie hippiemäßig und vielfältig aber gleichzeitig auch voller ambitionierter Business-Menschen. Mit Stanford und Berkeley sind zwei Eliteunis nicht weit entfernt und mit Apple, Google und Facebook haben drei Tech-Giganten ihren Hauptsitz in Stadtnähe. Das spürt man natürlich, denn die Stadt zieht Talent und Ambition an. Gleichzeitig ist sie aber auch wahnsinnig offen, vielfältig und irgendwie verrückt (dunkelhäutiger Kellner/in mit Schnauzbart, Kreolen, behaarten Beinen und Brüsten im mexikanischen Restaurant). Niemand wird komisch angeschaut, sondern kann einfach das sein, was er ist. Erfrischend. Dieser Blogpost ist eine Kombination zwischen Erfahrungsbericht und Tipps aus und für San Francisco und Meta-Reflektion zu den Themen Vielfalt, Ambition, und Lebensplanung (gesellschaftlich und persönlich).

Was man in San Francisco unbedingt tun sollte

Vor Reisestart habe ich zwei, drei Leute nach Tipps und Must-Do’s für San Francisco befragt, habe aber keine großen Pläne geschmiedet, da ich vor Ort arbeiten wollte und ja Johanna als quasi-local an meine Seite wusste. Was ich allerdings unbedingt machen wollte war der obligatorische Fahrradtrip über die Golden Gate Bridge in das Örtchen Sausalito und dort Eis essen. Das haben wir dann am Memorial Day auch gemacht und dort gemeinsam mit Touristen und Einheimischen ein paar Stunden im Naherholungsgebiet genossen, Kaffee getrunken (im Café CIBO) und gelesen. Echt Wahnsinn, wie man sich nur ein paar tatsächliche Kilometer außerhalb der Stadt innerlich schon ganz woanders fühlen kann. Das beste Eis gibt es leider nicht auf Sausalito, sondern in Shops der Kette ‚Salt & Straw‘ – die backen glaube ich ihre Waffeln selber, deswegen riecht es absolut lecker aus diesen Geschäften heraus. Aufgrund der hohen Beliebtheit stehen die Leute teilweise bis draußen auf die Straße an. Schlangen gibt es auch vor diversen Salatbars im Financial District zur Mittagszeit. Besonders empfehlen kann ich ‚Sweetgreen‘ – hat auch die längste Schlange, aber geht meist doch recht schnell und die Saladbowls sind wirklich lecker.

Mein Eis und die Kulisse von Francisco im Hintergrund – Unser Ausflug nach Sausalito

San Francisco ist super vielfältig. Es gibt den beschäftigten Financial District mit vielen Bürokomplexen, Marina direkt am Hafen mit Blick auf die Golden Gate Bridge oder den leicht schäbigen Mission District, in dem viele mexikanische Einwanderer leben. Dort haben wir so wahnsinnig leckeres Soulfood in einer Taqueria gegessen – Foodkoma, aber hat sich gelohnt (Taqueria Cancun). Natürlich gibt es noch weitere Viertel und einige davon habe ich nicht wirklich erkunden können. In North Beach gibt es viele italienische Restaurants und Cappuccino-Gefühl und Hayes Valley ist eher modern mit netten Geschäften und viel Kunst. Was auch noch wirklich cool ist: San Francisco ist sehr grün. Golden Gate Park und Presidio sind die größten Grünflächen, aber auch zwischendrin gibt es immer wieder kleinere Parks, die Menschen anziehen. Ich bin morgens immer am Wasser in Marina laufen gegangen, Crissy Field nennt sich das Gebiet dort in der Nähe der Golden Gate Bridge – es war früher ein Flugplatz der US Armee. Sport ist in San Francisco generell ein Riesending, das war für mich als Physical Activity Researcher in Spe natürlich super schön zu sehen. Es herrscht ein ganz andere Einstellung zu dem Thema: Im Büro haben Leute wie selbstverständlich ihre Sportsachen dabei, teilweise sogar an, weil sie am Nachmittag kurz laufen gehen oder einen Yogakurs machen. Da muss Deutschland echt noch aufholen 🙂 We are on it!

Taco, Burrito und Nachos mit Bohnen Käse (Veggiieee :))
Thank you an Mexico für dieses tolle Essen.

Nicht weit von San Francisco ist das Silicon Valley, das unte anderem Palo Alto, Cupertino (Apple) und Mountain View (Google) umfasst. Richtig schön dort, und irgendwie komisch, wenn man weiß, dass der Typ in Jogginghose hinter einem in der Caféschlange relativ wahrscheinlich ein superreicher Tech-Gründer und/oder Investor ist. Direkt neben Palo Alta ist das Örtchen Stanford, dass die Stanford University beheimatet, in deren Hallen Studenten lernen und Forscher an Innovationen tüfteln. Ein Freund von Johanna macht seinen Doktor dort und hat an einem Freitag eine Gartenparty geschmissen, zu der Johanna und ich aus SF rübergekommen sind. Es war ein lustiger Abend, der in mir was ausgelöst hat. Die Leute waren alle wahnsinnig smart, haben von den spannenden Themen erzählt, an denen sie gerade arbeiten. Es lag richtig diese Stimmung von Ambition und Aufbruch in der Luft. Jetzt mag sich manch einer da vielleicht unwohl oder gar ‚zweitklassig‘ fühlen unter solchen Leuten und solche Situationen deshalb meiden. Ich nicht. Ich liebe es sehr, die dümmste Person im Raum zu sein und von anderen lernen zu können. Die ganze Umgebung war irgendwie so lebhaft, angeregt, alle waren begeistert von dem was sie tun und strahlten das auch aus. Dazu war die Gruppe auch ein wenig exotisch, ein Mix aus amerikanischen, deutschen und indischen jungen Leuten. Am nächsten Tag haben wir uns den Campus angeschaut und mein positives Gefühl verstärkte sich, denn überall lagen junge Menschen in der Sonne und haben gelesen oder miteinander diskutiert. Mehr davon bitte! 🙂

Stanford – ein Teil des Campus von oben

Drei Erkenntnisse aus San Francisco

Ich habe es oben schon kurz angedeutet, ich war überrascht, dass die Zeit hier so kraftvoll war und echt was mit mir gemacht hat. Drei Erkenntnisse:

  1. Vielfältigkeit und Positivität mehr schätzen: Ich habe es schon gesagt, San Francisco ist eine vielfältige Stadt mit verschiedenartigen Vierteln und vollkommen unterschiedlichen Menschen. Hier scheint jeder sein zu können wie er will und das ist irgendwie schön, wenn ich auch so manches Mal kurz irritiert war (Frau mit Bart). In Mission hat eine Karnevalsparade stattgefunden als wir da waren und es lief wirklich jeder mit: weiß, schwarz, dick, dünn, groß, klein, bedeckt, offenherzig, vom Baby bis zum Greis. Die Menschen sind auch sehr freundlich, halten sich Türen offen, lachen sich an und kommunizieren miteinander. Jetzt kann man sagen, dass das doch alles nur oberflächlich ist und das stimmt sicher in den meisten Fällen auch. Schön ist es trotzdem, ich freue mich über positive Vibes an der Supermarktkasse oder ein nettes Gespräch mit dem Pärchen am Nachbartisch im Café. Deutschland nervt mich hier manchmal. Gefühlt gibt es etwas weniger Vielfalt, weniger Andersartigkeit und auch weniger Offenheit. Vielleicht nicht in Berlin oder Köln, aber im Schnitt habe ich schon das Gefühl, dass es zuhause weniger (drastische) Abweichungen vom ‚Durchschnitt‘ gibt, ‚normal’ sein angestrebt ist und das wirkliche Zusammenleben verschiedener Kulturen noch nicht so gelingt. Der Gedanke ist aber noch nicht zu Ende gedacht, dafür bin ich auch zu kurz hier, vielleicht liege ich falsch. Aber die Zeit hier hat mir nochmal einen Anstoß gegeben, zuhause noch mehr für Offenheit und Toleranz zu stehen und das selber auch noch aktiver zu suchen. Denn mir gibt es definitiv gute Anreize und macht Spaß.
  2. Meinen Hunger auf ‚Mehr‘ nicht verleugnen: Ich habe vor ein paar Monaten schon mal einen Blogpost zu dem Thema ‚Will ich zu viel oder zu wenig‘ geschrieben, in dem ich über meine innere Zerrissenheit zwischen viel Tun einerseits und zur Ruhe kommen andererseits nachdenke (wer den lesen mag, hier lang). Ein Subaspekt dieses Gedankens ist auch das Thema Nomadenleben vs. Wurzeln schlagen. Ich liebe meine Heimatstadt, insbesondere natürlich aufgrund der Menschen die dort sind. Aber irgendwie ist für mich noch nicht die Zeit gekommen, dort Wurzeln zu schlagen. Es gibt so viel zu tun, zu sehen und zu erleben auf dieser Welt und mit jeder Erfahrung lerne ich mehr über andere und mich selbst. Ich will mehr – und das muss ich akzeptieren, hier muss ich ehrlich zu mir selber sein. Wenn ich in Stanford auf der Wiese sitze, wird mir klar, dass ich Riesenlust habe nochmal in den Unikontext zurückzugehen, auf eine andere Art als es mein aktuelles Setup als externen Doktorand zulässt. Wenn ich mit den Nerds auf der Gartenparty rede, nur Bahnhof verstehe aber trotzdem begeistert tausendmal nachfrage, damit doch ein bisschen was ankommt, wird mir klar, dass ich mich solchen Umgebungen öfters aussetzen möchte. Danke San Francisco für diese Erkenntnisse 🙂 Mal schauen, was ich daraus mache. Ich habe mich aber auch wieder wahnsinnig gefreut, in meiner Heimatstadt anzukommen.. Ach, diese vielen Optionen. #firstworldproblems
  3. Dankbar über tolle Verbindungen sein: Ich habe für 10 Tage bei Johanna gewohnt, einige davon war sie aufgrund einer Geschäftsreise nicht da. Es war von A-Z so wahnsinnig unkompliziert, entspannt und einfach schön. Wir haben tolle Dinge unternommen, gute Gespräche geführt und uns quasi Abstimmung ganz automatisch und vor allem ohne jedes Problem den Raum gegeben, den der andere brauchte. Klingt fast wie Beziehung, haha, aber eine Freundschaft ist ja auch eine Art der Beziehung. Ich bin sehr dankbar, diese bereichernde Verbindung in meinem Leben zu haben.
Morning Run mit Blick auf die Golden Gate Bridge

Wow, was eine Lobeshymne auf die Zeit in dieser Stadt. Man kann meine Begeisterung vermutlich durch den Bildschirm spüren. Ich habe meine Zeit in San Francisco geliebt – natürlich getrieben durch die tolle Gastfreundschaft einiger Menschen, allen voran von Johanna. <3 Natürlich ist San Francisco nicht perfekt – die Stadt hat eine Menge Probleme. Allen voran die hohe Zahl geistig verwirrter, verwahrloster Obdachlose, die am Straßenrand sitzen, schreiend durch die Gegend laufen oder mit leerem Blick und vollgekotztem T-Shirt im Bus sitzen. Da merkt man ganz deutlich, dass mit dem Gesundheitssystem in den USA was ganz und gar nicht stimmt, freut sich über deutsche Zustände und kommt ins Überlegen, was es denn braucht, um die Zustände zu ändern. San Francisco ist außerdem ganz schön teuer. 11$ für ein Glas Wein, 5$ für einen Cappuccino und sehr, sehr hohe Mieten machen das Leben hier zu einem teuren Vergnügen. Trump ist natürlich auch nicht so weit weg. Nichtsdestotrotz – I will be back. Mal schauen wann, in welcher Form und wie lange – aber ich werde definitiv wiederkommen.

Wart ihr schon mal in San Francisco? Wie hat es euch gefallen? Ich freue mich über euer Feedback zum Post, Kommentare zu San Francisco oder Geheimtipps für einen erneuten Aufenthalt in dieser Stadt 🙂

PS: Ich habe quasi mit Beginn der Reise begonnen den Podcast ‚Gemischtes Hack‘ zu hören, mit etwa 1.5 Jahren Verspätung. Super lustig! Die Jungs geben den Hörern immer einen Lifehack, also praktischen Tipp, mit. In diesem Kontext, Flug-Lifehack von mir: im Flugzeug das vegetarische Menü vorbestellen. Man bekommt vor allen anderen Essen, das man tatsächlich auch essen möchte bzw. guten Gewissens essen kann. Denn dass die Bratwurst oder das Hühnchen im Flugzeug weder gesund noch nachhaltig produziert sind, ist ziemlich klar… 😉


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