Ich finde es interessant, wie sich die Einstellung von Mensch zum ‚Älter werden‘ im Laufe seines Lebens ändert. Als ich klein war, wollte ich wahnsinnig dringend erwachsen werden. In der Grundschule las ich Bücher über Mädchen, die auf Internate gingen, Fahrradtouren mit ihren Freundinnen machten und Grillpartys feierten. Ich konnte es kaum erwarten endlich 12, 13 Jahre alt zu sein und ein solches Leben zu leben. Als ich dann in dem vorher so sehnlich herbeigesehnten Alter war, habe ich wieder in die Zukunft geschaut und wollte unbedingt ein richtiger Teenie sein und all die verbotenen Dinge tun dürfen. Als ich dann 18 Jahre alt war – dem Gesetz nach also ‚erwachsen‘ – habe ich kurz innegehalten und war verwirrt. Ich war wirklich alles andere als erwachsen. Damals habe ich gedacht, dass ich mit Mitte/Ende 20 dann mein Leben aber mit Sicherheit voll im Griff haben werde. Guess what – ich bin noch nicht erwachsen. Oder doch?

In der letzten Zeit habe ich mich oft gefragt, was denn ‚erwachsen sein‘ eigentlich ausmacht. Ich habe länger darüber nachgedacht und mit anderen Leuten darüber gesprochen. Herausgekommen sind drei Ansätze um ‚erwachsen sein‘ zu terminieren:

  1. Bestimmte Altersgrenzen und Ereignisse: Wie erwähnt ist man in Deutschland dem Gesetz nach mit 18. Jahren volljährig und gilt als Erwachsener. Dass das nicht die tatsächliche Schranke zum Erwachsen werden ist, da sind sich die meisten Menschen einig. Ausziehen und auf eigenen Beinen stehen, ein Haus bauen oder selber Kinder bekommen könnten andere mögliche Zeitpunkte sein, die das Erwachsen werden markieren. Beim Thema Ausziehen kann ich mitreden, das ist es definitiv nicht. Danke an Oma, die immer noch meine Wäsche wäscht. Vielleicht selber Kinder kriegen? Das ist ja ein ziemlicher Einschnitt und man ist gezwungen, Verantwortung zu übernehmen. Aber auch hier gibt es genug Gegenbeispiele, die zeigen, dass das nicht zwangsläufig so ist. Für mich war es auch ein interessanter Prozess zu realisieren, dass meine Eltern keine Übermenschen sind, die alles wissen und alles können. Je alter man wird, desto mehr verschiebt sich das Ganze. Klar, meine Eltern sind immer noch Autoritäten für mich, deren Rat mir sehr wichtig ist. Trotzdem, immer öfter fragen sie auch mich um Hilfe oder Tipps und es gibt viele Dinge, in denen ich mehr weiß und kann als meine Eltern.
  2. Gewisse Verhaltensweisen: ‚Liesa, for me, being an adult means having your shit together. You buy flower bouquets for your apartment, you have Christmas decoration, stuff like that’, erzählte mir eine Freundin. Ich habe total verstanden was sie meint. Ein paar meiner Freundinnen leben ‘erwachsene’ Leben, führen den Haushalt ordentlich, machen ihr Bett jeden Morgen und haben immer besagte frische Blumen auf dem Tisch stehen. Ich kann mich noch daran erinnern, dass ich vor einigen Jahren zu meiner Mutter gesagt habe: ‚XY hat ihr Leben echt im Griff. Super ordentliche Wohnung, frische Früchte auf dem Küchentisch und sogar Hausschuhe für Gäste. Und ich habe gestern wieder meine Kreditkarte steckenlassen – top!‘. Leider reicht auch das nicht zum ‚erwachsen‘ fühlen, musste ich feststellen. ‚Ist das ein Scherz? Liesa ich überlege jede zweite Woche meinen Job zu kündigen – ich fühle mich weder angekommen noch erwachsen, sehr viel Chaos im Kopf. Du bist viel erwachsener als ich.‘, erklärte eine dieser Blumen-Kauf-Freundinnen, als ich mit ihr das Thema besprach.
  3. Innere Einstellung: So, es ist kein Zeitpunkt oder Ereignis und auch Verhaltensweisen machen einen nicht erwachsen. Ist es die innere Einstellung? Ist man einfach ‚erwachsen‘, sobald man sich so fühlt? Eine Freundin sagt: ‚Für mich ist ‚Erwachsen sein‘ Autobahn fahren. Der Weg zur Autobahn ist super mühsam, viel Abbiegen, viel Verkehr, Hupen, Lärm, Anhalten an tausend Ampeln. Aber sobald man dann einmal auf der Autobahn ist, im letzten Gang und fährt – da läuft es.‘ Was sie mit ihrer Metapher sagen will: Für sie heißt ‚Erwachsen sein‘ einen Modus gefunden zu haben, in dem alles irgendwie ganz gut durchläuft. Man ist nicht angekommen, man kann schon ab und zu nochmal was ändern oder sogar abfahren. Aber man steckt eben nicht mehr in dieser orientierungslosen Phase. Grundsätzlich stimme ich ihr zu. Ich verbinde ‚Erwachsen sein‘ auch mit innerer Ruhe, Zufriedenheit und Akzeptanz. Und auch wenn es mit höherem Alter ein wenig wahrscheinlicher ist, dass man diesen Zustand erreicht – es gibt da keine Kausalität. Klar, in den ersten Lebensjahren passiert viel und man entwickelt sich und reift. Aber von einem gewissen Punkt an ist das kein Automatismus mehr, man ist selber für das eigene Wachstum verantwortlich. Selbstbewusstsein, Mut, Loyalität, innere Ruhe und Besonnenheit haben nur bedingt was mit dem Alter zu tun. Ich habe in den letzten Jahren viel gelernt, mich in vielen Bereichen weiterentwickelt. Ich bin näher an diesem Zustand der Akzeptanz – und wie so oft ist das alles auch kontextabhängig. In manchen Bereichen bin ich selbstsicher und habe alles im Griff, in anderen frage ich meine deutlich jüngeren Cousinen um Rat, weil die einfach mehr Plan haben.
Auszug aus dem Whatsapp Chat mit einer Freundin vor ein paar Tagen. Ihre Aussage bezog sich auf Entwicklungen bei uns beiden (e.g. Doktorarbeit, Weiterentwicklung im Job)

Ich habe mich schon recht früh älter gefühlt als ich eigentlich bin, vermutlich weil ich die Zukunft immer herbeigesehnt habe. Heute bin ich 27 Jahre alt und fühle mich manchmal als wäre ich schon 40. Erwachsen aber irgendwie trotzdem nicht. Will ich das denn überhaupt? Schon irgendwie, denn es war in meinem Kopf immer assoziiert mit ‚angekommen sein‘. Gleichzeitig hatte ich bis vor Kurzem auch Angst vorm älter werden. Vielleicht war das ein Grund für meine Berührungsangst im Kontakt mit älteren Menschen. Um das Thema mal anzugehen, habe ich mich vor einigen Monaten für ein neues Ehrenamt entschieden: ein bis zweimal pro Woche besuche ich im Altersheim Senioren, die wenig Besuch bekommen. Die Menschen sind alle über 90 Jahre alt – also wirklich richtig alt. Ich habe meine Scheu mittlerweile überwunden und habe immer eine richtig gute Zeit im Altersheim. Es ist sehr entschleunigend – ich höre mir beim Parkspaziergang zum wiederholten Male dieselben Geschichten an. Interessanterweise sogar immer im selben Tonfall und mit derselben Wortwahl erzählt. Das ist zwar einerseits traurig, aber auch lustig. Die älteren Damen nehmen kein Blatt vor den Mund und ich habe schon oft laut lachen müssen. Ich bekomme aber auch mit wie Menschen nicht mehr alleine essen können und zur Toilette gehen können. Zwei meiner ‚Schützlinge‘ sind verstorben – denn in diesem Heim sind wirklich nur die Leute, die nicht mehr so lange haben. Ich habe letztens eine Dame gefragt, ob sie sich ‚erwachsen‘ fühlt. Ihre Antwort war Nein. ‚Wissen Sie, man ist erwachsen, wenn man man verstanden hat, dass man nie erwachsen sein wird.‘, sagte sie zu mir. Paradox, aber irgendwie macht  es auch Sinn für mich.

So, wir haben also festgestellt, dass ‚Erwachsen sein‘ gar nicht so leicht zu definieren ist und es sogar sein kann, dass es das gar nicht gibt. Klar ist auf jeden Fall, dass es eine sehr individuelle Frage ist. Ich habe in den letzten Wochen, als ich mich mit dem Thema beschäftigt habe gelernt, dass die Floskel ‚age is just a number‘ schon stimmt. Man kann in jedem Alter Leute inspirieren und ein Vorbild sein und man kann auch in jedem Alter noch Hilfe annehmen. Selbstsicherheit ist viel mehr kontext- als altersabhängig. Bis zu einem gewissen Moment reift man ‚automatisch‘ – aber irgendwann ist es eine Bringschuld und man muss an sich arbeiten, wenn man sich weiterentwickeln möchte. Außerdem habe ich gelernt, dass man keine Angst vorm Alter haben muss. Klar, irgendwann verändern sich Dinge und man wird wieder hilfsbedürftiger, eingeschränkter und irgendwann ist es auch vorbei. Ich finde den Gedanken immer noch nicht schön, aber bin der Akzeptanz durch meine Erfahrung mit den älteren Menschen nähergekommen. ‚Haben Sie Angst vor dem Tod?‘, habe ich eine andere Frau gefragt. ‚Quatsch. Ich hatte ein tolles Leben. Ich war nicht immer perfekt, aber ich habe mein Bestes getan. Jetzt kann ich abtreten.‘, entgegnete sie. Die Antwort hat mich irgendwie sehr berührt. Ich werde mich bemühen mein Leben auch so zu führen, dass ich mit 95 Jahren sagen kann, dass ich bereit bin zu gehen.  

Happy Friday <3

Kategorien: Allgemein

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