In den letzten paar Wochen haben verschiedene Leute mir komplett unabhängig voneinander Geschichten erzählt, die mit Angst und Angstüberwindung zu tun hatten. Irgendwie hatte ich deshalb das Gefühl, dass es Zeit für einen Text zu genau diesem Thema ist.

 

Angst vor dem Säbelzahntiger

 

Wir Menschen haben Angst. Und das ist irgendwie auch gut so, denn evolutionsgeschichtlich hat Angst eine wichtige Funktion. Es schärft die Sinne, macht uns flucht- oder kampfbereit und ist somit ein wichtiger Schutzmechanismus. In früheren Zeiten war diese Angst noch etwas nützlicher als heute, da es mehr Gefahren gab. Auch heute gibt es noch Situationen, in denen uns das Gefühl der Angst oder einfach ein ungutes Bauchgefühl in bestimmten Situationen beschützt. Aber ehrlicherweise sie heutzutage in den meisten Fällen eher hinderlich als nützlich. Wir müssen nur selten um Leib und Leben fürchten, denn es gibt keine wilden Tiere, keinen Krieg und unsere gesellschaftlichen Systeme sorgen dafür, dass wir wenig Angst vor körperlicher Gewalt und Armut haben müssen.

 

Die Ängste der Privilegierten

 

Also, wir leben in einer recht friedlichen Realität ohne Bedrohungen. Und trotzdem haben wir unglaublich viel Angst, vor den verschiedensten Dingen. Wir haben Angst, eine Präsentation vor vielen Leuten zu halten. Angst, einen Job zu kündigen, der uns nicht glücklich macht. Angst, den Herausforderungen eines neuen Jobs nicht gewachsen zu sein. Angst, jemanden nach der Telefonnummer zu fragen. Angst, eine langjährige Beziehung, die eigentlich gar nicht mehr läuft, zu beenden… und, und, und. Fill the blank, es gibt so viele Ängste. Ein Freund hat mir vor einigen Tagen das Buch ‚Hit Refresh‘ von Satya Nadella, dem CEO von Microsoft empfohlen. Am Anfang des Buches erzählt Nadella von einer Situation am Anfang seiner Zeit als Geschäftsführer: Ein Psychologe war zu einer Sitzung des Senior Leadership Teams dazu geladen. Er fragte zu Beginn des Meetings: „Habt ihr Interesse eine absolut außergewöhnliche persönliche Erfahrung zu machen?“ Alle nickten, sagten ja. Dann bat er einen Freiwilligen in der Gruppe aufzustehen. Zunächst stand niemand auf, es war sehr still – einfach eine komische Situation. Dann meldete sich eine Dame aus der Runde, Amy Hood, CFO. Der Psychologe war neugierig und wollte verstehen, warum sich zuerst niemand bereit erklärt hat, aus der leistungsstarken Gruppe ambitionierter Führungskräfte. Nadella erzählt: „Alle schauten verlegen auf ihre Schuhe oder lächelten die Kollegen nervös an. Die Antwort auf die Frage nach dem Warum war schwer, aus uns herauszubekommen, obwohl sie direkt unter der Oberfläche waren. Angst. Sich lächerlich zu machen. Zu scheitern. Und Arroganz – Ich bin zu wichtig für diese dummen Spiele.“. Ich finde diese Situation sehr bezeichnend und ausdrucksstark. Selbst ganz oben in den Führungsetagen herrscht diese Angst. Wieso ist das so? Wieso haben wir eine solche Angst, Fragen zu stellen, voranzugehen und Dinge mal anders zu machen?

 

 

Fast alle diese Ängste lassen sich aus meiner Sicht am Ende auf eine große ‚Überangst‘ zurückführen, die vor Zurückweisung und Ablehnung. Die Angst vor Ablehnung, egal welcher Art, ist tief in uns verwurzelt. Wir wollen reinpassen. Andere sollen uns nicht ‚komisch‘ finden. Wir wollen normal sein, nur ein bisschen besser als der Durchschnitt, aber auf keinen Fall irgendwie absonderlich. Diese Angst hemmt enorm – und betrifft uns alle, den einen mehr, den anderen weniger

 

Woher kommt die Angst?

 

Das menschliche Grundbedürfnis nach Anerkennung sorgt dafür, dass wir lieber auf Nummer Sicher gehen. Wir wollen gefallen und geliebt werden. Unser Selbstwert ist nie völlig unabhängig von externem Feedback. Bei manchen Menschen ist er sogar komplett an die Bestätigung von außen geknüpft. Wenn eine andere Instanz unsere Arbeit als gut bewertet oder uns als Person als date-würdig ansieht, ist alles in Ordnung. Wir brauchen eine externe Bescheinigung. Das gilt sowohl im beruflichen Kontext als auch im Privaten – und ist blöd, weil es uns hemmt. Im Job kann es dazu führen, dass wir uns nicht trauen Dinge anders zu machen, als andere. Dass wir hinter unseren Möglichkeiten zurückbleiben, weil wir uns nicht trauen, im Meeting einen Kommentar abzugeben. Oder wir grübeln ewig und machen uns Gedanken, wie andere uns wahrgenommen haben. ‚War ich jetzt peinlich?‘ Aber das ist ja Quatsch. Eine Idee ist ja nicht nur gut, wenn bestimmte Personen sie für gut halten. Ein gutes Beispiel ist auch dieser Blog hier. Ich habe das alles seit Mitte August fertig gehabt und trotzdem erst im Oktober veröffentlicht. Warum? Angst. Angst vor Zurückweisung und Ablehnung. Was denken die anderen? Was, wenn Leute mich für arrogant halten und denken, dass ich mich hier nur selbstdarstellen will? Ich wette, dass ständig Menschen kreative und tolle Ideen hatten und haben, und sich einfach nicht trauen, sie anderen zu zeigen und es einfach mal zu versuchen – weil sie Angst haben, nicht gut genug zu sein und belächelt zu werden. Schade, was uns dadurch alles entgeht.

 

Im Dating-Kontext ist das ja auch ein Riesenthema. Wir knüpfen unseren Selbstwert wieder an externe Bestätigung. Ein gutes Beispiel für das Problem sind Menschen, die nicht Single sein können und wirklich IMMER in einer Beziehung sind. Sie halten es nicht aus, wenn an der Front mal nichts passiert, weil sie ihren Selbstwert in Gefahr sehen. Sie sind sich selber nicht genug. Kann man natürlich wie immer nicht pauschalisieren. Ein weiteres gutes Beispiel für dasselbe Problem sind die Menschen, die nicht in Beziehung sind, weil sie sich nicht trauen. Wenn sie Interesse an jemandem haben, wird das nicht geäußert oder geradezu verschleiert. Undenkbar, wie peinlich es wäre, wenn man sich traut und der anderen Person dieses Interesse signalisiert und zurück kommt dann Ablehnung. Wie konnte ich überhaupt nur denken, dass mein Interesse erwidert wird? Dann lieber Klappe halten, auf cool tun und alleine bleiben… aber zumindest sicher.

 

Auch die Angst vor Veränderung, die viele Menschen betrifft, ist irgendwo auf die Angst vor Ablehnung zurückzuführen. Der Status Quo ist nicht toll, aber immerhin gibt es ihn. Ich habe einen Job, ich habe einen Partner. Besser den Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach. Was, wenn mich niemand mehr einstellt? Was, wenn sich niemand mehr auf mich einlässt? Was, wenn ich mich selbstständig mache und kein Mensch mein Produkt kauft. Es gib doch schon so viele Start-ups, auf mich haben sie gerade gewartet… Auch hier bleiben wir oft hinter unseren Möglichkeiten zurück.

 

 

Wie besiegt man die Angst?

 

Keine Ahnung. Ich glaube man muss es einfach üben, das Mutig-sein. Ich habe ein paar Zeilen von Seneca dazu gelesen der sagt, dass wir öfter in unserer Vorstellung leiden als in der Realität. Wir haben die Gewohnheit, zu übertreiben, uns Dinge auszumalen und vorauszuahnen. Obwohl sie nie so kommen. Die ‚School of Life‘ hat auf Youtube auch ein cooles Video zu dem Thema hochgeladen, es heißt ‚The terror of a no‘. Der Erzähler erklärt, dass wir in ein ‘Nein’ viel mehr interpretieren, als dahintersteckt. Wir glauben, dass wenn jemand ‚Nein‘ zu uns sagt, sagt er eigentlich ‚Nein, du bist mir zu dumm, eingebildet, hässlich, filltheblank‘ – was auch immer die negative Seite des eigenen Selbstbildes ist. Wir haben also Angst vor dem Nein … und wissen noch nicht mal ob es überhaupt kommt, weil wir anderen Menschen nicht in den Kopf gucken können. Anstatt einfach zu fragen, schließen wir die Datenlücke durch pessimistische Annahmen. Das Problem ist, dass ‚Nicht-Fragen‘ nicht risikolos ist. Wir vermeiden zwar den Schmerz einer eventuellen Zurückweisung, aber wir verpassen eventuell was Anderes… coole Chancen, Projekte, Begegnungen. Tragisch irgendwie, denn das Leben ist kurz. Eigentlich sollten wir keine Angst vor Zurückweisung haben, sondern davor viele Chancen ungenutzt zu lassen. Ich glaube, sich das klar zu machen, ist ein guter Schritt in Richtung ‚mutig sein‘. Und dann heißt es trainieren: Je öfter wir mutig sind, desto leichter fällt es uns.

 

Vor ein paar Tagen habe ich ein Interview mit Flixbus-Mitgründer Daniel Krauss gehört, der die provokante Frage „Was ist die Konsequenz, wenn du dauernd im Konjunktiv lebst?“ stellt. Tolle Frage, finde ich. Hätte, könnte, würde. Einfach machen, ist die Devise. Ein Bekannter, der viele gute Ideen zum Thema hat, hat mir im Gespräch letztens erzählt, dass er sich den Spruch ‚May you always do what you are afraid to do‘ von Ralph Werdo Emerson tätowieren hat lassen. Um sich daran zu erinnern, dass das was uns am meisten Angst macht, meistens das ist, was uns auch am meisten wachsen lässt. Wir müssen uns das nicht alle tätowieren lassen 🙂 Aber da heute mal drüber nachzudenken und in dieser Woche vielleicht ein paar mal mutig zu sein, ist glaube ich nicht verkehrt.

The terror of a no: https://www.youtube.com/watch?v=sswopsUW1mQ
(english)

Kategorien: Allgemein

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