‚Ach, das hat doch eh keinen Zweck. Es wird sich eh nichts ändern.‘, antwortete mir letztens ein Freund auf die Frage, ob er schon mit seiner Chefin über seine aktuelle Unzufriedenheit mit der Arbeitssituation gesprochen habe. Ich habe in den vergangenen Jahren viele solcher Sätze gehört. Und sicher auch schon das ein oder andere Mal in schwachen Momenten selber gesagt. Aber grundsätzlich bin ich definitiv eher ein Vertreter der Positivitäts-Fraktion. Menschen, die ständig jammern aber nie irgendwas ändern, nerven mich manchmal ein bisschen. Eine negative Einstellung kann temporär sein, wenn eine schwierige Phase durchlaufen wird. Sie kann auch auf verschiedene Bereiche bezogen sein, in denen die Zukunft wenig rosig scheint. Oder aber auch langfristig und gesamthaft, wenn einfach das Leben immer durch eine etwas dunklere Brille gesehen wird. Dann ist alles immer schwierig, anstrengend und sowieso aussichtslos.

Das Leben ist mit Sicherheit nicht immer einfach und es passieren manchmal echt blöde Dinge, die nicht schön zureden sind. ‚Think positive, das wird schon wieder!‘ oder ‚Ach, das hat nicht geklappt, aber du hast wenigstens was gelernt.‘  sind so Sätze, die man in Krisenzeiten echt nicht hören will. Manche Sachen sind einfach kacke, punkt. Aber das ändert nichts daran, dass man auch in solchen Zeiten mit einer positiven Grundhaltung deutlich besser fährt als mit Selbstmitleid und Jammern. Es gibt Menschen für die das Leben besonders extreme Schicksalsschläge parat gehalten hat. Die hätten eigentlich allen Grund zu jammern. Stephen Hawking ist so ein Beispiel: In seinen Zwanzigern teilen ihm die Ärzte mit, dass er an einer tödlichen Krankheit leidet und vermutlich nicht mehr viel Lebenszeit übrig hat. Anstatt in Selbstmitleid zu versinken oder wütend zu werden und jegliche Visionen abzuschreiben, hat der junge Wissenschaftler weiter geforscht, mit seinen Erkenntnissen die Welt bereichert und ist erst viele, viele Jahre später gestorben. Woher nimmt er seinen Lebensmut? Viktor Frankl war ein österreichischer Psychologe, der selber in vier Konzentrationslagern gefangen gehalten wurde und dessen Familienmitglieder von den Nazis ermordet wurden. Auch er hat die leidvolle Zeit durchgestanden und ist nicht in Negativität versunken. Um weitere große Namen zu nennen: Mahatma Gandhi und Nelson Mandela haben wahnsinnig viele Täler durchschritten, aber ihren Lebensmut und positive Art nicht verloren. All‘ diese Männer haben einen höheren Sinn gesehen, in ihrer Zeit auf der Erde. Sich lösen vom Egozentrismus und Sinn in etwas anderem als sich selber finden, das verleiht auf jeden Fall Stärke und Zuversicht. Und das muss ja nicht gleich der Weltfrieden sein, es gibt viele andere ‚Warums‘. Frankl zitiert in seinem Buch Nietzsche: ‚Wer ein Warum hat zu leben, erträgt fast jedes Wie.‘

Zum Glück sehen sich die meisten von uns deutlich weniger unangenehmen Realitäten gegenüber als die oben genannten Männer. Trotzdem beschweren wir uns, sind gestresst und manchmal mutlos. Wie sagt man so schön, Pessimisten sehen das Glas halb leer und Optimisten halb voll. Optimismus ist für mich hier allerdings nicht die treffendste Bezeichnung, sondern Zuversicht. Beide Begriffe sind eng miteinander verwoben und werden häufig synonym verwendet. Für mich ist Zuversicht aber noch etwas tiefer gehend und etwas realitätsbezogener. Nein, es ist nicht immer an allem was Gutes zu finden. Weil Krankheit, Behinderung und Tod erstmal einfach scheiße sind. Aber irgendwie wird am Ende schon wieder alles gut, auch wenn es Zeit braucht und eine Menge Kraft kostet. Zuversicht ist für mich ein starkes Gefühl, eine innere Grundhaltung des Vertrauens, dass alles einen Sinn hat. Nicht, dass alles immer gut ist – aber dass es irgendwie passt und sich fügen wird. Und Zuversicht ist das, was Hawking und Frankl Kraft gegeben hat, ihre grausamen Realitäten durchzustehen und eine lebensbejahende Haltung zu behalten. Ich habe mich vor einigen Tagen mit einem Freund unterhalten, der mir sagte, dass seine wichtigste Erkenntnis in diesem Jahr war, dass alles irgendwie wieder gut wird. ‚Ich habe mich verletzt im Frühjahr und war echt genervt – vom Leben, von mir selber. Eine ähnliche Verletzung hatte ich schon mal. Und ich habe gedacht, ich hätte es selbst verschuldet. Ein paar Monate später sieht die Welt aber wieder anders aus. Und das wird immer so sein..‘, erzählt er mir. Vor einigen Monaten hatte ich ein ähnliches Gespräch mit einer Freundin, die mir sagte, dass sie früher immer dachte, dass die Welt untergeht, wenn was Schlimmes passierte. Und heute aber weiß, dass auf Schatten auch immer Licht folgt. ‚It’s always darkest before the dawn.‘ – ‚Es ist immer am dunkelsten vor der Dämmerung.‘ – singen auch Florence + the Machine.

Morgengrauen in Windsor mit Rehen. Dankbarkeits-Moment

Warum sollten wir überhaupt danach streben, zuversichtlich zu sein? Was bringt es? Zuversicht hat wahnsinnige Strahlkraft in die verschiedensten Bereiche. Wissenschaftsjournalist Ulrich Schnabel hat ein ganzes Buch zum Thema Zuversicht geschrieben und bezeichnet diese treffend als ‚Treibstoff‘. Zuversicht treibt an, gibt Energie und Lebensfreude. Wenn man seine eigene Richtung klar definiert hat und weiß wofür man gewisse Dinge tut, dann sind Rückschläge auf dem Weg halb so wild. Mit jedem Rückschlag wirkt man besser darin Krisen zu bewältigen – und damit dann auch noch zuversichtlicher, denn man weiß, man kann sich auf sich selber verlassen. Es gibt auch einige Studien, die belegen, dass zuversichtliche Menschen gesünder sind und länger leben. Ich habe die jetzt nicht überprüft, aber macht für mich Sinn: Zuversicht macht glücklich und die psychische und physische Gesundheit hängen ja eh super eng zusammen. Lebensfreude und eine gewisse Leichtigkeit zeichnen Menschen aus, die einen starken Kern aus Zuversicht in sich tragen. Wenn man tief im Inneren weiß, dass man auf dem richtigen Weg ist und seine Zeit nicht ständig mit Niedergeschlagenheit und Jammern vertrödelt, kann man den Prozess, das Leben an sich, besser genießen und auch die Schönheit des blauen Himmels wahrnehmen. Das Leben ist der Hammer und wir haben nur eins – also sollten wir uns alle bemühen, diesem zuversichtlichen, lebensbejahenden Zustand schnell näher zu kommen 🙂

Wir haben von Hawking & Co. schon gelernt, dass ein ‚Warum‘ zu haben, dabei hilft auch unter widrigen Umständen zuversichtlich zu bleiben. Was hilft noch dabei, seine Zuversicht zu stärken?  

  1. Mindset-Shift – Ich bin verantwortlich: Eine wichtige Erkenntnis, die hilft positiver zu sein und weniger zu jammern ist die der Eigenverantwortlichkeit. Wir sind keine Kinder mehr, die sich nach den Regeln der Eltern richten müssen, sondern managen unser eigenes Leben. Diese Entscheidungsfreiheit ist nicht nur Recht, sie ist eben auch Verpflichtung. Wir MÜSSEN entscheiden, handeln, gestalten. Beziehungsweise nein, wir müssen nicht – wir können auch reaktiv bleiben und alles ‚passieren‘ lassen. Aber dann leben wir eben nicht unser bestes Leben.
  2. Selbstwirksamkeit: Schau doch mal was du alles schon geschafft hast! Meine beiden Freunde, die realisiert haben, dass irgendwie alles wieder gut wird, haben nicht tatenlos rumgesessen, sondern in ihren jeweiligen Situationen was dafür getan, dass es wieder gut wird. Ein Blick in die Vergangenheit wird zeigen, dass wir verdammt viel aus eigener Kraft erreicht haben. Wir können uns auf uns selbst verlassen. Und das sollte doch ganz schön viel Zuversicht geben.
  3. Dankbarkeit: Zuversicht ermöglicht es uns, die Schönheit unserer Umwelt besser wahrzunehmen. Aber auch andersrum klappt es – die kleinen und großen Dinge um uns herum wahrnehmen und wertschätzen, hilft dabei Lebensfreude und Zuversicht zu stärken. Egal wie aussichtslos die Situation auf der Arbeit gerade ist (bzw. scheint) – die Wärme der Sonnenstrahlen auf der Haut ist trotzdem toll. Das Lächeln des Fremden, der uns auf der Straße entgegenkommt, macht trotzdem gute Laune. Wenn Teenage Dirtbag im Radio kommt singe ich trotzdem mit. Es ist so viel Wunderbares um uns, wir haben so ein Glück, auf diesem paradiesischen Planeten so leben zu können, wie wir es tun. Lasst uns das wertschätzen, das Leben und es – genau wie uns selber – nicht immer so wahnsinnig erst nehmen.

London Street Art bei bestem Wetter – Hier stehen geblieben, in die Luft geschaut, gelächelt – weil einfach alles echt gut ist

Wir können nicht immer ändern was um uns herum passiert. Aber wir haben absolut in der Hand, wie wir darauf reagieren. Marcus Aurelius hat schon gesagt, dass unser Leben ein Produkt unserer Gedanken ist. Und einige Männer und Frauen der Vergangenheit und Gegenwart haben es uns gezeigt. Mentale Stärke ist so wertvoll und kraftvoll. Also, mehr Zuversicht und ‚Can-do-attitude‘ in 2019 bitte. 🙂

Very little is needed to make a happy life; it is all within yourself, in your way of thinking. Marcus Aurelius

Materialien:
Viktor Frankl – Trotzdem ja zum Leben sagen
Arun Gandhi – The Gift
Ulrich Schnabel – Zuversicht

Artikel zum Thema von Schnabel https://www.zeit.de/2018/47/stephen-hawking-kosmologe-lebensschicksal-zuversicht-lebensmut-ehrgeiz-vorbild


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