Schon lange habe ich niemanden mehr vorgestellt – heute ist es mal wieder so weit, denn ich habe vor einigen Monaten eine junge Frau kennengelernt, die mich sehr beeindruckt hat. Teresa ist 31 Jahre alt und schließt demnächst ihre Doktorarbeit an der Sporthochschule ab. Was für viele Leute ausreichend Beschäftigung bedeuten würde, ist für Teresa aber nur eines von vielen Projekten. Ein anderes möchte ich hier heute insbesondere besprechen: den von ihr gegründeten Verein Lebensdurst-ICH e.V., der es sich zur Aufgabe gemacht hat, lebensbedrohlich erkrankte junge Menschen zu unterstützen.

Wie es dazu kam: Entstehungsgeschichte

Neben dem Sport ist Musik Teresas Leidenschaft. Vor einigen Jahren hat sie deshalb Musik studiert, an der Folkwang Universität der Künste in Essen. Nach einem Auslandssemester in England kommt sie zurück – und ihr fällt auf, dass eine Kommilitonin, Tanja, nicht mehr da ist. ‚Auf Nachfrage hat eine gemeinsame Freundin mir erzähl, dass Tanja schwerkrank ist, schwarzer Hautkrebs. Innerhalb von einigen Monaten ist sie auf der Palliativstation gelandet.‘ Palliativstation – auf dieser Station ist das vorrangige Ziel der Behandlung nur noch den Schmerz zu lindern, nicht mehr zu heilen. Klar, manche Patienten erholen sich, aber der Großteil der Patienten stirbt dort und soll deshalb noch so schmerzfrei wie möglich versorgt und begleitet werden. Bei Tanja war das irgendwie alles schwierig: Tanja hatte als noch immatrikulierte Studentin viele Herausforderungen und fühlte sich mit ihrer Erkrankung oft alleine. Als Sie zu mir sagte: ‚Teresa, ihr steht alle auf der anderen Seite.‘, habe ich realisiert, dass wir da was tun müssen.‘ Teresa recherchierte und fand heraus, dass es in der Region tatsächlich kein Netzwerk für junge Betroffene gibt. Sie fragte bei regionalen Unternehmen finanzielle Unterstützung an, denn auch da stand Tanja als junge Studentin ohne große familiäre Hilfe schlecht da. Das Unternehmen signalisierte grundsätzlich Bereitschaft, allerdings könne man nicht an Privatpersonen spenden, sondern nur an Vereine. Na gut, damit war es entschieden. Teresa gründete gemeinsam mit sechs anderen (zur Vereinsgründung braucht es sieben Mitglieder) 2012 den Verein ‚Lebensdurst-ICH‘, dessen Mission es ist, junge schwerkranke Erwachsene zu unterstützen. Auf die Frage, wie sie die anderen Mitglieder mobilisiert hat, erinnert sich Teresa lächelnd: ‚Das war alles auf der persönlichen Ebene. Ich erinnere mich, dass ich eine Freundin in der Sporthalle gefragt habe, ob sie dabei ist und ihre Antwort war: Ich springe jetzt erstmal hier über den Bock und dann sprechen wir weiter.‘ Heute hat der Verein 183 Mitglieder und wurde im Juli letzten Jahres sogar von Bundeskanzlerin Angela Merkel im Rahmen des Startsocial-Wettbewerbs geehrt. Dieser Wettbewerb basiert auf einer guten Idee – Ehrenamtliche und Akteure aus der Wirtschaft werden zusammengebracht. Vereine erhalten professionelle Unterstützung bei Themen wie Projektmanagement und Finanzplanung sowie den Hauptbaustellen im Vereinsalltag.

Betroffene und Teammitglieder von Lebensdurst-ICH bei einer Heißluftballonfahrt

Worum es geht: Lebensfreude spenden.

Wenn einem älteren Menschen eine Krebsdiagnose überbracht wird und die Chancen auf Heilung gering sind, dann ist das für den Betroffenen und insbesondere die Angehörigen ein Schock. Wenn aber einem jungen Erwachsenen gesagt wird, dass das Leben sehr wahrscheinlich bald vorbei ist, dann gerät die Welt aus den Fugen. Warum? Passiert das wirklich? Man kann sich das selber gar nicht richtig vorstellen und während ich diese Zeilen schreibe, läuft es mir eiskalt den Rücken runter. Wie fühlt man sich in so einer Situation? Tanja hat sich damals nicht gut gefühlt. ‚Sie war so ein lebensfroher Mensch. Ich wollte ihr die Lebensfreude einfach irgendwie wiedergeben.‘, erinnert sich Teresa. Auch wenn keine Aktivität, kein Netzwerk und kein Mitfühlen die Krankheit heilen kann: Unterstützung von anderen und Momente der Ablenkung und Freude tun den kranken jungen Erwachsenen sehr gut ‚Jeden dritten Dienstag im Monat besuchen wir die Patientinnen und Patienten in der Klink. Wir spielen Karten, bestellen Pizza und tauschen uns aus. Auch ein gemeinsamer Kinoabend ist in Planung.‘ Ein Stückchen Normalität im Alltag eines schwerkranken Menschen. Wertvoll, auch wenn man es kaum glauben mag. Einmal im Jahr organisiert der Verein einen Segeltörn mit 20 Teilnehmenden. Außerdem werden erkrankten Personen Herzenswünsche erfüllt – vom Fotoshooting inklusive Styling bis hin zur Fahrt mit einem Heißluftballon ist bislang alles Mögliche dabei gewesen.

Vielleicht nicht Mutter Teresa – aber trotzdem eine sehr inspirierende Frau, diese Teresa

Teresa Odipo, 31 Jahre

Teresa ist eine sehr inspirierende Person für mich. Sie vereint zwei – aus meiner Sicht – ganz wesentliche Werte in sich: Nächstenliebe und Tatendrang. 90 aus 100 Menschen hätten Tanjas Situation grausam gefunden und ein Bedürfnis gespürt, für sie da zu sein. 70 wären ins Krankenhaus gegangen und hätten sie tatsächlich besucht. 40 hätten versucht irgendwie zu helfen, vielleicht mit eigenem Geld oder durch Mobilisierung von Freunden und Familien. Aber nur einer aus 100 gründet einen Verein, der strukturell die Situation für todkranke junge Erwachsene wie Tanja verbessert. Auf die Frage woher dieser Tatendrang in ihr kommt, antwortet Teresa: ‚Ich habe einfach eine große intrinsische Motivation, Missstände nicht nur zu erkennen, sondern auch anzugehen. Ich überlege konstant, wie ich gesellschaftlich wirksam sein kann, mich selber einbringen kann.‘ Ich finde das beeindruckend. Viele andere fokussieren sich so auf sich selbst und sind konstant dabei, ihr eigenes Leben zu optimieren. Mallorca oder Ibiza dieses Jahr? Schaffe ich es dieses Jahr noch das tolle Wellnesshotel von Instagram auszuprobieren, oder verschiebe ich das auf 2020? #firstworldproblems Ich will mich da gar nicht ausnehmen – ich bin gerade dabei, eine gute Balance zu finden, die für mich funktioniert. Ich will nämlich gesellschaftlich wirksam sein, aber trotzdem ab und an zu viel gekühlten Rosé trinken oder mich fragen, welches Dirndl besser ins Käferzelt passt. Und ich bin auch der Meinung, dass das beides zusammen funktionieren kann und möchte euch hiermit aufrufen, euch zu engagieren. Teresa ist next level – sie investiert aktuell im Schnitt sieben Stunden die Woche für Lebensdurst-ICH – gemeinsam mit einigen anderen tollen Menschen, die hier ungenannt bleiben und ihr ebenfalls sehr wichtig sind. Teresas Vorbilder sind Menschen wie Nelson Mandela, die für Dinge einstehen, die ihnen wichtig sind. Oder Menschen wie Mutter Teresa, die da hinschauen, wo sich viele abwenden. ‚Wenn mehr Leute da hinschauen würden und sich diesen Menschen widmen würden… dann hätten wir eine bessere Welt.‘, sagt Teresa. Ich bin sicher, dass sie Recht hat. Auf die Frage, was Teresa sich für unsere Gesellschaft wünscht, sagt sie: ‚Mehr Mitmenschlichkeit. Ich wünsche mir, dass wir näher zusammenrücken und gemeinsam die Zukunft gestalten. Oft steckt so viel Wertvolles in kleinen Begegnungen und wir nehmen es kaum wahr. Ich wünsche mir, dass wir uns weniger auf Wachstum konzentrieren, sondern den kleinen Dingen wieder mehr Aufmerksamkeit schenken.‘ Amen. Natürlich interessiert mich, ob Teresa in die Politik gehen möchte – denn ich glaube, wir brauchen Menschen wie sie. ‚Ich weiß nicht. Ich habe das Gefühl, dass man dort zu wenig bewegen kann. Das ist ein so festgefahrenes System… Anderseits finde ich es wichtig, Gesellschaft mitzugestalten und nicht nur „von außen“ zu kritisieren. Dafür ist politisches Engagement wichtig. Wo erreicht man denn Menschen mit seinen Inhalten wirklich?‘ Das ist eine Frage, die uns beide beschäftigt. Irgendwie finde ich es bedenklich, dass Menschen, die Lust haben wirklich was zu verändern, bei der Frage nach politischem Engagement abwinken oder zumindest sehr zögerlich sind. Bei mir ist das ja nicht anders – ich könnte mir das schon auch vorstellen, aber dann auch wieder überhaupt nicht. Aber wenn jeder so denkt, wird sich nicht viel ändern. Naja – food for thougt für uns alle.


Wie ihr helfen könnt

Ich habe Teresa gefragt, was Lebensdurst-ICH braucht, damit es weiter funktionieren kann. ‚Mehr Ehrenamtliche!‘, war ihre Antwort. ‚Wir wünschen uns, dass mehr Leute mitmachen, damit wir das aufrechterhalten können. So einen Dienstag in der Uniklinik führt aktuell fast immer jemand aus dem Vorstand durch – da brauchen wir Nachrücker.‘, erklärt Teresa. Wer Lust hat, sich bei Lebensdurst-ICH zu engagieren, kann sich bei mir melden oder natürlich direkt auf das Team zugehen (Details siehe unten). Außerdem sind Spenden natürlich jederzeit willkommen Hier lang. Man kann lange auf den richtigen Zeitpunkt warten, sich zu engagieren. Er kommt nicht, er ist jetzt. Es wird immer andere Themen geben, wir haben alle viel zu tun. Mach es wie Teresa und tu es sofort. 🙂

info@lebensdurst-ich.de

Kategorien: Allgemein

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