Wie angekündigt möchte ich euch hier Personen vorstellen, die mich begeistern. Ganz verschiedene Menschen, die mich aus den unterschiedlichsten Gründen inspirieren, unterschiedliche Hintergründe haben und sich in unterschiedlichen Lebensphasen befinden. Heute gehen wir in die zweite Runde – ich möchte euch Amber vorstellen. Eine junge Frau, die gerade mittendrin steckt, ihr erstes eigenes Unternehmen zu gründen.

Amber ist Mitte Zwanzig und etwas verrückt. Sie ist meistens gut gelaunt, wuselig und bringt mich schon in den ersten Sekunden unseres Mittagessens in Berlin zum Schmunzeln. ‚Boah Liesa, ich schwitze in den letzten Tagen immer so nach, ich mache so eine Fitnesschallenge und da mache ich direkt morgens Sport…‘, sagt sie, nachdem ein paar Minuten zu spät reinstürmt und wir uns umarmt haben. Das ist Amber, direkt, kein Blatt vor dem Mund und mit erfrischend viel Power. Amber hat sich vor einigen Monaten entschieden gemeinsam mit einer guten Freundin ihrer Schwester ein Unternehmen zu gründen: eine Modemarke, die funktionale Kleidung für Businessfrauen entwirft. Ich habe sie also mitten in einer sehr bewegten Phase getroffen und wir haben uns über ihre Entscheidung ‚All in‘ zu gehen, Probleme, Zweifel und Mut zur Ehrlichkeit unterhalten.

Amber

‚Wenn ich irgendwann sterbe, will ich lieber bereuen, dass ich es ausprobiert habe.‘

 

Als wir uns das letzte Mal gesehen haben, hatte Amber sich noch nicht entschieden, ob sie sich trauen und ihre Geschäftsidee umsetzen soll. Deshalb musste ich zuerst einmal auf den neusten Stand gebracht werden und habe sie gefragt, wann und warum sie sich für die Gründung entschieden hat. ‚Weißt du Liesa, ich habe da echt lange überlegt, es war nicht einfach. Meine Schwester hat viel mit mir gesprochen. Und sie hat mich gefragt: „Amber, willst du am Ende am Sterbebett bereuen, dass du gegründet hast oder dass du es NICHT versucht hast?“ Und für mich war die Antwort dann irgendwie klar. Wenn ich irgendwann sterbe, will ich lieber bereuen, dass ich es ausprobiert habe.‘  Klar, stimmt schon – aber trotzdem gehört eine Portion Mut dazu, sich Geld von Investoren geben zu lassen und eine Modemarke aufzubauen, inklusive Design, Produktion, Marketing, Vertriebskanäle und allem was dazu gehört. Ich wollte noch besser verstehen, woher Amber den Mut nimmt und wie ihr Entscheidungsprozess aussah.

 

Vorbereitungen – Stoff…

 

‚Mehr ausprobieren, mehr Fehler zulassen und mehr Return dafür bekommen. Ich glaube das führt für mich zu einem erfüllteren Leben.‘

 

‚Also was eigentlich den Ausschlag gegeben hat war, als meine Schwester zu mir gesagt hat, dass man das Leben eher wie ein großes Experiment nehmen muss. Man kann auch mal was ausprobieren, sich Fehler erlauben. Es muss nicht immer alles perfekt sein. Das hat für mich Sinn gemacht und war echt befreiend.‘ erklärt Amber. ‚Also, wenn man einfach mal rumspinnt und sich vorstellt, dass wir alle Aliens sind, die für 80, 90 Jahre hier auf die Erde geworfen wurden um irgendwas zu machen. Wenn man sich die Endlichkeit klarmacht, dann trifft man Entscheidungen anders. Man muss sich freimachen von der Erwartung dem ‚normalen‘ Lebensmodell – also guter Job, Haus und Kinder und dann später als ältere Menschen chillen – zu entsprechen. Dann trifft man jede Entscheidung mit dem Ziel, dass diese Zeit, die wir hier auf der Erde haben, möglichst geil wird.‘ Ich finde das eine sehr nützliche Idee, mal so die Perspektive zu wechseln und seine ‚Rolle‘ auf der Welt mal anders zu denken. Niemand gibt uns einen Preis dafür, dass wir am Ende alle Boxen des ‚normalen guten Lebens‘ abhaken. Wenn wir auf eine Sache Lust haben und sie gerne ausprobieren wollen und es ist uns irgendwie möglich, dann sollten wir es auch tun. ‚Mehr ausprobieren, mehr Fehler zulassen und mehr Return dafür bekommen. Ich glaube das führt für mich zu einem erfüllteren Leben.‘, fasst Amber den Mindset-Shift, den ihre Schwester bei ihr ausgelöst hat zusammen.

 

‚Natürlich hab‘ ich Zweifel, Liesa. Ich habe jeden Tag Zweifel.‘

 

Ich frage Amber, ob sie seit dem ‚I go for it‘-Moment noch nie Zweifel hatte. Sie lacht laut und sagt: ‚Natürlich hab‘ ich Zweifel, Liesa. Ich habe jeden Tag Zweifel. Ich frage mich einmal am Tag „Amber, was zum Teufel machst du hier eigentlich?“. Als wir Kapital eingesammelt haben, gab es ja teilweise auch sehr, sehr kritisches Feedback. Ich denke darüber nach was passiert, wenn das hier alles nicht klappt, wen wir dann alles enttäuschen. Da hilft mir meine Mitgründerin Valentina super gut – die ist total pragmatisch, kann mich immer wieder runterholen. „Amber, das haben wir doch schon ein paar mal gehört, einfach weitermachen.“, sagt sie dann. Also, ich stehe total zu der Idee und gebe alles – aber die Zweifel kommen immer wieder, man muss die Spirale dann nur schnell aufhalten, damit man positiv bleibt.‘, erzählt Amber. Ich finde es wahnsinnig toll und erfrischend wie ehrlich sie darüber spricht, dass Zweifel zum Alltag gehören, dass ‚All in‘-Sein und wiederkehrende Panik zusammengehen kann. Man weiß ja wirklich nie so richtig was rauskommt – man muss nur genug an die Idee glauben, um sich voll darauf zu konzentrieren, eben ‚All in‘ zu gehen – etwas Zweifel sind völlig normal und in Ordnung. Wenn man sich die ganze Start-up Welt von außen so anschaut könnte man manchmal auf die Idee kommen, dass immer alles wie auf Schienen läuft. Man ist immer um Coolness und den Schein des ‚Alles-im-Griff-Habens‘ bemüht. ‚Wir wurden belächelt dafür, dass wir noch nicht so viel Kapital aufgenommen haben. Aber ich finde das okay, wir starten jetzt einfach so. Du ganz ehrlich Liesa, mich nervt das total, das man vor Leuten die man nicht so gut kennt immer so tut als wäre alles paletti. Nein, ist es nicht immer. Wir stehen trotzdem dahinter und tun alles was wir können. Das macht mich stolz und motiviert mich. Ich finde echt wir sollten da alle offener zu unseren Struggles und Schwächen stehen.‘

 

Valentina und Amber – Gründerinnen von SI BEAU

 

‚Wer es schafft, dass es ihm egal ist, was andere denken – der hat Freiheit gewonnen.‘

 

Zum Ende unseres Mittagessens werden wir nochmal etwas grobgalaktischer und kommen zum Thema Freiheit und ‚Sein Ding machen‘ zurück. ‚Mein Lieblingsphilosoph ist Seneca. Und der sagt, dass wer es schafft, dass es ihm egal ist, was andere denken – der hat Freiheit gewonnen. Ich finde das stimmt.‘ Auf die Frage, in wie weit sie selber das schon erreicht hat, antwortet Amber bestimmt: ‚Ach, fast gar nicht. Ich habe das auch immer noch ständig, frage mich was die anderen wohl denken. „Oh, jetzt gründet sie ein Fashionlabel, ja das passt zum Mädel.“, haben bestimmt welche gesagt. Aber egal, ich mach es jetzt trotzdem.‘ In dem Punkt sind Amber und ich grad an einer ähnlichen Stelle im Leben – ich kann das deshalb sehr gut verstehen und bin auch überzeugt, dass Seneca recht hat. Wenn man sich komplett von den Erwartungen anderer und der Gesellschaft freimacht, dann ist echt alles möglich und man hat die absolute Freiheit erlangt. Ich habe nochmal nach einem Zitat von Seneca zum Thema gesucht und das gefunden, frei übersetzt: Halte nie einen für glücklich, der von äußeren Dingen abhängt.

 

Seneca der Jüngere *

 

Danke Amber für unser tolles Gespräch – ich habe auf jeden Fall nochmal eine gute Portion Motivation mitgenommen. Ambers‘ und Valentina’s Unternehmen – SI BEAU – wird Anfang des kommenden Jahres mit dem Verkauf starten. Ich halte euch hier auf jeden Fall auf dem Laufenden, ansonsten könnt ihr SI BEAU auch gerne auf Instagram folgen und die Entstehungsgeschichte mitverfolgen (si_beau). Inspiration für den Namen lieferte übrigens die französische Philosophin Simone de Beauvoir – eine mutige und engagierte Frau. Passt also zum Thema.

 

 

* Bild: Von I, Calidius, CC BY-SA 3.0
https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=2456052


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