Weihnachten ist vorbei und es war schön. Zeit mit der Familie, gutes Essen und schöne Geschenke. ‚Wurdest du reich beschert?‘ und ‚Was hast du bekommen?‘ sind Fragen, die in den Tagen danach gestellt werden. Ich habe dieses Jahr viele wunderbare Geschenke bekommen – tolles Parfüm, Sportkleidung, Bücher. ‚Mama hat ordentlich die Wirtschaft angekurbelt dieses Jahr.‘, scherzten meine Brüder während der Bescherung. Uns geht es ganz gut dieses Jahr und das ist toll. Insbesondere wenn das mal anders war, dann fühlt es sich echt richtig gut an. Bei mir bleibt trotzdem auch immer ein etwas fader Beigeschmack zurück, wenn ich den riesigen Haufen zerknüddeltes Papier unter dem Tannenbaum sehe. Wieso ist es so normal, sich an Weihnachten so unglaublich viele Dinge zu schenken? Der Ursprungsgedanke dahinter – jemand anderem eine Freude machen zu wollen – ist ja super. Ich liebe Geschenke machen und mache das ehrlich gesagt das ganze Jahr über. Den Menschen, die mir wichtig sind, zeige ich das gerne und regelmäßig – nicht nur (aber auch) über materielle Dinge. Art. An Weihnachten – dem Fest der Liebe – machen das die allermeisten Menschen dann auch so. Aber wieso übertreiben wir so sehr und kaufen so viel? Geht Zuneigung zeigen nur über materielle Geschenke? Ich denke nicht.

Naja – ehrlich gesagt ist Weihnachten aber ja nur die Spitze unseres Konsum-Eisbergs. Eigentlich kaufen wir ja das ganze Jahr über schon echt viel Kram ein. Wer den Fehler macht, sich an einem Samstag auf Köln’s Shoppingmeile ‚Schildergasse‘ zu verirren, sieht prall gefüllte Tüten. Primark, H&M, ZARA, Saturn und was nicht alles. Vor einigen Wochen habe ich eine Freundin, die vorübergehend bei C&A an der Kasse gearbeitet hat, zur Mittagspause abgeholt. Ich stand unten vor dem Laden und hatte plötzlich ein ganz seltsames Gefühl, als ich die ganzen Menschen mit ihren traurigen Gesichtern rein und rausgehen sah. Im Laden selber war alles bunt, laut, blinkend. Und überall Klamotten, Klamotten, Klamotten. Reizüberflutung total. Wenn man sich dann überlegt, dass dieser Laden nur einer von ganz vielen in Köln ist und Köln eine verhältnismäßig kleine Stadt… dann kann einem schon mal komisch werden. Verrückt, was wir Menschen auf der Welt alles kaufen, jede Minute.

In den letzten Wochen haben mir unabhängig voneinander zwei Freundinnen berichtet, dass sie gerade ihr eigenes Konsumverhalten hinterfragen. Die eine spricht Englisch und erzählte mir in einer WhatsApp-Sprachnachricht: ‚Recently, I am going to this weird period… I am so sick of buying stuff and owning stuff. I look through my room and it is full of make-up, clothes, and shoes. I am so sick of it.’ Meiner Freundin bereitet es Unbehagen, dass sie so wahnsinnig viel Kram besitzt. Sie erklärte weiter, dass sie gerade dabei ist einmal groß auszusortieren und unnütze Dinge wegzugeben oder wegzuwerfen. Ich kann ihr Gefühl nachvollziehen – auch ich habe in den letzten Jahren einiges an Zeug angehäuft. Mehr als die Hälfte der Sachen in meinem Schrank ziehe ich eh nicht an. Aber wenn es ans Aussortieren geht, denkt man sich doch wieder oft, dass man genau dieses Ding vielleicht irgendwann doch nochmal vermissen würde. Eine andere Freundin sprach über die Psychologie hinter dem Konsum: ‚Mir ist aufgefallen, dass ich seitdem ich im Leave bin (Auszeit von der Arbeit, um zu promovieren) viel weniger Sachen einfach so kaufe.‘, sagt sie. Wir haben uns ein bisschen darüber unterhalten und festgestellt, dass Konsum recht häufig irgendeinen Zweck erfüllt. Trösten oder Belohnen oder beides zusammen. Ich hatte das auch schon öfter – nach einer anstrengenden Woche habe ich mir Samstag irgendeine tolle Seidenbluse gekauft. Die hab‘ ich mir jetzt verdient. Ein kleines Pflaster für die ausgelaugte Wochenend-Kriegerin. Das ist am Ende ja auch völlig in Ordnung – es ist ja schön, sich gelegentlich schöne Dinge zu leisten. Wenn es aber jeden Samstag eine Bluse ist, sollte man mal nachdenken. Versteht mich nicht falsch. Ich bin viel zu sehr Fan von dieser Welt, um Konsum komplett abzulehnen. Nur selbstkritisch darüber nachdenken sollten wir alle mal. Die Sache mit materiellem Konsum ist nämlich, dass er nur sehr kurzfristig glücklich macht. Der wohlige Schauer des Blusenkaufs verpufft schnell, kommt noch einmal kurz wieder, wenn man sie das erste Mal anhat oder ein Kompliment dafür bekommt … und geht dann wieder, for good. Ich selber besitze und kaufe zu viel – ohne wirklich kaufsüchtig zu sein. Aber ich habe materiellen Dingen in der Vergangenheit definitiv schon einmal Funktionen zugeschrieben, die sie nicht erfüllen können und auch nicht erfüllen sollen. Was uns nämlich wirklich glücklich macht, sind kleine und große Lebensmomente und Erfahrungen – aber keine materiellen Dinge. Mehr Sein anstatt Haben.


Glückliche Kinder in Laos. Ohne Kreditkarte 🙂 – sogar ohne fließendes Wasser.

Neben den persönlichen Konsequenzen, die ein übertriebenes Konsumverhalten mit sich bringt, sind da noch die gesellschaftlichen Folgen. Die ganzen Kleidungsstücke und Beauty-Produkte und Lebensmittel, die wir kaufen, tauchen ja nicht einfach so auf. Die Baumwolle für ein T-Shirt wird angebaut, geerntet, weiterverarbeitet, chemisch veredelt und nach Deutschland verschifft. Dass da bei einem Shirt für 4.99€ einiges falsch läuft, erklärt sich eigentlich von allein. Trotzdem freuen wir uns und kaufen gerne billig. Es ist auch nicht nur Kleidung. Auch Möbelhäuser freuen sich. Wir mieten riesige Wohnungen an und stellen sie mit tollen Sachen voll, sind dann aber viel zu selten da. Klasse. ‚Lieber zu viel als zu wenig‘ ist auch so ein Satz, der mich tierisch nervt. Wir riskieren lieber Verschwendung als nachher ‚zu wenig‘ von irgendwas zu haben. Lieber ‚großzügig kalkulieren‘, man will ja nicht als geiziger Gastgeber dastehen. Lebensmittelverschwendung ist ohnehin nochmal ein Thema für sich… Ich glaube, wir müssen was das Konsumverhalten angeht unsere gesellschaftlichen Werte und Normen mal überdenken. Aktuell suggeriert intensiver Konsum Wohlstand und wird meistens mit bewundernden oder neidischen Blicken quittiert. Wer hat, der hat. Wer kann, der kann. Läuft bei dir. Aber wir müssen uns klar machen, dass auch Porschefahrer unglücklich sind und der Gesamtwert deines Outfits nichts über deinen Wert als Mensch aussagt.

Vor einigen Wochen kam der Film ‚100 Dinge‘ in die Kinos. Auch wenn Matthias Schweighöfer und Florian David Fitz den Film als Bühne nutzen, um sich möglich oft halbnackt zu präsentieren und die Handlung recht vorhersehbar ist, ist die Quintessenz des Films trotzdem super. Die beiden spielen zwei materialistische Freunde, die durch eine Wette realisieren, dass die ganzen Dinge, die sie besitzen, nicht glücklich machen. Der Film regt auf jeden Fall ein bisschen zum Nachdenken an. Da dürfen sich die beiden auch gerne ausziehen, wenn das hilft viele Leute anzulocken 🙂 Und jetzt? Wir müssen jetzt nicht alle Minimalisten werden – warum auch. Aber was definitiv jeder mal tun sollte, ist sich einfach mal die Zeit zu nehmen, das eigene Konsumverhalten kritisch zu prüfen und schauen, wo die eigenen Baustellen sind. Wovon kaufe ich zu viel und warum? Dann könnte man tatsächlich mal aussortieren – den Status quo evaluieren, mal schauen wie viel man eigentlich besitzt. Wir müssen nicht alles abgeben und mit nur einem bis 100 Dingen leben, aber man kann sich ja zumindest mal hypothetisch überlegen, welche 10 Dinge man behalten würde, wenn man gezwungen wäre, radikal auszumisten. Die Realisierung, dass ein Leben mit diesen Dingen kein bisschen weniger lebenswert wäre, ist beruhigend. Wir können mit gutem Beispiel voran gehen und unseren Geschwistern, Freunden, Kollegen und Kindern zeigen, worauf es ankommt. Dass etwas eingeschränkterer Konsum fantastisch funktioniert. Ich selber werde mal ein Experiment versuchen und mir in 2019 kein Kleidungsstück kaufen. Davon habe ich nämlich echt genug. Und eigentlich bin ich gerade ziemlich glücklich und brauche keine Fake-Pflaster. Das nutze ich jetzt mal aus 🙂

Weihnachten ist vorbei und es war schön. Die Läden hatten zu, die meisten Cafés und Restaurants auch. Man wird quasi gezwungen, sich auf sich selbst und sein soziales Umfeld zu besinnen. Konsum ist schwieriger möglich in diesen Tagen. Vielleicht können wir alle ein bisschen vom Weihnachtsgefühl mit in das ganze Jahr 2019 nehmen – Fokus auf das Wesentliche und etwas weniger materieller Konsum.


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