Ich hatte eine schlechte Woche. Ich war antriebslos, irgendwie nicht richtig zufrieden und böse mit mir selbst. Dann sind noch ein, zwei nicht so coole Dinge passiert, mit denen ich nicht gerechnet hatte. Wenn man sich jetzt anschaut, was ich letzte Woche alles gemacht habe, würde man vermutlich sagen: ‚Wenn das bei dir rauskommt, wenn du ‚antriebslos‘ bist, will ich nicht wissen wie es aussieht, wenn du auf 100% bist.‘ Diese unterschiedliche Bewertung – ich selber finde meine Leistung, meinen Fortschritt, meine Gesamtsituation unbefriedigend und nicht ausreichend während andere von außen respektvoll, unglaubwürdig oder neutral draufschauen – resultiert aus einer übermäßig kritischen Haltung zu sich selbst. Und passiert – glaube ich – nicht nur mir, sondern ist Wurzel einer strukturellen Unzufriedenheit, die sich durch unsere Gesellschaft zieht.

‚Verlustaversion‘ nennt man die Tendenz einer Person, Verluste mehr Bedeutung beizumessen als Gewinnen. Das ist zum einen im Bereich des Konsumentenverhaltens spannend. Dingen, die wir schon besitzen, schreiben wir mehr Wert zu als Dingen, die wir noch nicht haben. Preiserhöhungen empören uns und haben einen stärkeren Effekt auf die Nachfrage als dass uns Preissenkungen freuen. Dieses Phänomen gilt aber auch generell, im Leben. Erfolge bewegen uns innerlich weniger als Niederlagen. Das mag von Person zu Person in der Intensität variieren, aber generell haben wir alle unverhältnismäßig große Angst vor Verlust und Versagen. Bei mir ist das auch so. Wenn etwas Gutes passiert, hake ich es recht schnell ab, spiele Lob herunter und will auch keine Glückwünsche. Auch über ‚Niederlagen‘ rede ich nicht viel, aber sie beschäftigen mich innerlich enorm. Ich bin in den letzten Jahren besser darin geworden, mich von ‚Rückschlägen‘ nicht mehr so mitnehmen zu lassen, aber trotzdem ist dieses Ungleichgewicht zwischen Bewertung von Erfolg und Scheitern noch sehr präsent. Ich weiß, dass es einigen Freundinnen ähnlich geht. Ganz ehrlich, wieso tun wir uns das an?

Sonnenaufgang in San Francisco. Ohne Kontext, einfach schön 🙂

Wenn man von außen auf das Leben von anderen schaut, ist man immer gnädiger mit Fehlern, großzügiger mit Liebe und Verständnis und in Summe einfach positiver. ‚Ja, vielleicht ist in deinem aktuellen Job gerade nicht alles gut gelaufen und deshalb kündigst du jetzt, obwohl du dir so sehr vorgenommen hast, eine gute Leistung abzuliefern. Die äußeren Umstände waren nicht super und du einfach nicht an einem Ort, an dem du deine Stärken voll ausspielen kannst.‘, sage ich zu meiner Freundin und meine es genauso. ‚Ich bin eine Versagerin und bin nicht gut genug.‘, ist der Gedanke, der sich immer wieder in ihren Kopf schleicht. ‚Wow, ich bin echt nicht gut. Ob ich die Promotion jemals abschließen werde? Ich habe noch nicht genug erreicht. Andere Leute führen erfolgreiche Unternehmen, stehen auf Bühnen, haben Haus und Kind und sind nur ein paar Jahre älter als ich.‘, schwirrt durch meinen Kopf, wenn ich per Email eine Absage, auf eine Kooperationsanfrage bekomme, die ich hoffnungsvoll verschickt habe. Klassischer Fall von irrationaler Überbewertung von einzelnen, negativen Vorfällen – denn, wenn ich Stunden später nach Training, kalter Dusche und mentaler Backpfeife an mich selbst von außen auf mein Leben schaue, habe ich eigentlich schon ganz schön viel erreicht. Und das habt ihr alle auch, nur leider feiern wir uns viel zu selten. Wir sind nicht stolz auf uns. Vielleicht ist es auch ein Kulturthema, denn wir sind ja auch zur Bodenständigkeit, Fleißig sein und stillem Freuen sozialisiert. Das ist ja grundsätzlich auch gut, niemand mag arrogante Menschen, die sich selbst zu wichtig nehmen und bei jeder Gelegenheit und ungefragt erzählen, wie toll sie sind. Aber etwas mehr Akzeptanz für Stolz sein und für bewusstes Innehalten und Genießen in Momenten des Erfolges wäre sinnvoll. Klar, danach soll es weitergehen, Blick auf neue Ziele richten und los. Aber den Etappensieg gerade sollte man schon feiern.

Ein letzter Aspekt: Worum geht es am Ende im Leben? Es gibt keinen Preis für den Fleißigsten, für den, der am meisten geschafft hat oder den der am diszipliniertesten durchgehalten hat. Irgendwann – hoffentlich dauert es noch – ist es einfach vorbei und das Ziel sollte es doch sein, bis dahin einen möglichst großen Teil der Lebenszeit positive Gefühle gehabt zu haben. Für uns selbst ist unser Leben natürlich das Bedeutendste, klar, wir stecken ja auch drin. In der Vogelperspektive sind wir nur ein kleiner Teil vom großen Ganzen. Jetzt die ganz grundlegende Sinnfrage zu stellen würde zu weit führen, aber sich ab und an mal klarmachen, dass es irgendwie echt nicht so wichtig ist, ob Lieschen Müller jetzt fertig promoviert hat oder nicht, hilft um Dinge ins rechte Licht zur rücken. Um in seinem eigenen Prioritäten-Mikrokosmos Ordnung zu schaffen und alles etwas entspannter zu sehen, ist es nützlich, sich zu fragen, was man wirklich für ein gutes Leben braucht. Wenn man da mal was länger drüber nachdenkt, ist die Antwort nämlich ziemlich erleichternd: es ist gar nicht so viel.

Also, lasst uns alle einfach mal entspannter sein. Und nehmt euch heute Mal kurz Zeit, über euer bisheriges Leben nachzudenken, über die letzten Jahre, Monate, Wochen. Ihr habt nämlich schon eine ganze Menge geschafft! Seid stolz und feiert euch!!! Ruhig auch mal was länger. Und dann nehmt Anlauf für die nächste Runde, mit einem Lächeln auf den Lippen.

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