Ich habe vor einigen Monaten eine Umfrage unter meinen Freunden und Bekannten durchgeführt. Sie sollten sagen welche drei Worte ihnen einfallen, wenn sie an mich denken. Ein Wort wurde öfter genannt als alle anderen: ehrgeizig. Mich hat das irgendwie überrascht. Klar, ich habe bislang sehr zielstrebig gelebt. Leistung bringen und ‚was erreichen‘ war immer schon irgendwie wichtig… diese Werte wurden mir vorgelebt und sind dann auch bei mir auf sehr fruchtbaren Boden gefallen. Aber ich bin eben nicht nur das – ein großer Teil von mir schätzt auch die Ruhe und das Einfache. Nur das sieht man von außen eben nicht so wirklich, weil das per Definition eher im Zurückgezogenen stattfindet. Ich bin innerlich oft geradezu zerrissen und weiß einfach nicht was ich will. Will ich intensiv leben, viel erleben, viel bewegen und meine Energie voll auskosten? Oder will ich eigentlich mehr Ruhe, Raum für‘s Nichtstun und mehr Einfachheit? Will ich zu viel? Oder will ich zu wenig? ‚Kind du hast doch studiert, da musst du doch jetzt was draus machen!‘‚Du bist noch so jung und so flexibel, das musst noch ausnutzen, solange es geht‘ – ‚Im Nachhinein bereut man immer die Dinge, die man nicht getan hat.‘ . Diese oder ähnliche Sprüche haben sicher die meisten schon das ein oder andere Mal gehört. Aber ist das wirklich so? Muss man immer mehr wollen und aus allem ‚so viel rausholen wie möglich‘?


To Do Listen und Projekte. Viel los bei mir und ich liebe es.
Und ja, chaotisch bin ich.

Ich habe das Gefühl, dass die innere Zerrissenheit, die ich manchmal spüre, eigentlich ein kollektives Thema in unserer Gesellschaft ist. Mehrwollen ist die Marschrichtung. Menschen die ‚nicht genug wollen‘ ernten oft Unverständnis. ‚Wieso machst du denn nichts aus deinem Leben?‘. Dass es tatsächlich das Ziel sein kann, ein einfaches Leben zu führen, ist für viele schwer zu verstehen. Menschen, die nicht nach Mehr streben, müssen sich dafür rechtfertigen. Wer auf der Stelle tritt, kann das ja nicht freiwillig tun, sondern muss irgendwie gescheitert sein. Dieser implizite und explizite Erwartungsdruck führt bei vielen Menschen dazu, sich selbst anzutreiben, Grenzen zu sprengen und am Ende sogar zu glauben, all‘ das auch wirklich selber zu wollen. Dieses ständige Streben nach mehr ist anstrengend und nicht wenige Menschen überfordern sich selbst. Konstante Erschöpfung, Burnout und Depression sind die Folge. ‚Insecure overachievers‘ oder auf Deutsch ‚unsicherer Überflieger‘ ist ein Begriff, der benutzt wird, um junge Berufseinsteiger zu beschreiben, die frisch aus der Uni kommen und das Prinzip des Mehrwollens voll verinnerlicht haben. Man weiß noch nicht so richtig was man will, aber Erfolg und Intensität klingt auf jeden Fall gut. Diese insecure overachiever sind natürlich super Arbeitskräfte, bestens geeignet für Unternehmen mit stark ausgeprägter Leistungskultur. Irgendwann emanzipieren sich allerdings die meisten – zumindest ein bisschen. Richtig selbstbestimmt sind aber auch viele andere Menschen nicht, die sich der gesellschaftlichen Forderung des Mehrwollens fügen, obwohl ihnen doch eigentlich viel weniger reichen würde.

‚Wer wenig erwartet wird seltener enttäuscht.‘ Eigentlich ein Spruch den ich blöd finde. Man sollte doch nach dem Besten streben, oder nicht? Jein. Eben nur, wenn es das ist was man selbst WIRKLICH will. Denn was ein gutes Leben ist, muss am Ende jeder für sich selbst entscheiden. Ich stecke gerade mitten im Spagat zwischen Intensität und Ruhe. Hohe Taktzahl jeden Tag, freiwillig, weil ich es will und genieße. Und das ist nicht nur so gesagt, es macht mir Freude. Aber dann auch wieder Abende alleine, Ruhe in der Sauna und ein paar Tage ‚Digital Detox‘. Manchmal finde ich es absurd, dass ich mich von meinem Leben erholen muss und denke mir, dass ich vielleicht versuchen sollte, so zu leben, dass ich nie Ruhepausen brauche. Einfach irgendwie auf mittlerer Schlagzahl, aber konstant. Aber ist das – die permanente Balance – tatsächlich erstrebenswert? Die Antwort, die ich für mich selbst gefunden habe ist: Nein – es ist für mich völlig okay in der Ambivalenz zu leben. Ich brauche eben beides, mal intensiv und mal super ruhig. Das ist aber bei jedem anders und hier ist der Knackpunkt – ich glaube, jeder muss einfach versuchen mal losgelöst von jeglichen äußeren Einflüssen und gesellschaftlichen Forderungen zu überlegen, was für ihn oder sie ein gutes Leben ist. Und wenn die Antwort darauf ist, dass es eine Teilzeitstelle ist, die genug Zeit lässt, jeden Tag die Blumen im kleinen Garten zu gießen und dem Nichtstun viel Zeit zu widmen, ist das okay. Genauso okay ist es ein intensives Leben mit vielen Terminen und Projekten zu führen. Und alles was dazwischen liegt ist auch okay. Es gibt keinen allgemein gültigen Bewertungsmaßstab für ein gutes Leben, kein besser oder schlechter. Wir müssen lernen, andere Lebensmodelle zu akzeptieren und nicht immer alles aus unserer eigenen, super subjektiven Perspektive zu interpretieren. ‚Das kann man doch so nicht wollen‘. Doch, man kann. Stress ist subjektiv. Was für den einen ein entspanntes Pensum ist, überfordert den anderen massiv.

Kaffee in der Sonne. Einfach mal die Ruhe genießen.

Eine Entwicklung hin zu mehr Akzeptanz und weniger Verurteilung anderer Modelle, Sichtweisen und Realitäten würde uns guttun. Es würde dafür sorgen, dass es Menschen leichter fällt, die Maske mal abzunehmen und ihr wahres Selbst zu zeigen. Ein rechtzeitiges ‚Ich kann nicht mehr.‘ kann Projekte, Beziehungen oder sogar Leben retten. Funktioniert aber nur, wenn das eigene Ego und die Kultur in der man arbeitet, Beziehung führt und lebt Verletzlichkeit zulässt. Die Antwort auf die Frage ‚Will ich zu viel oder zu wenig?‘ ist deshalb für jeden eine andere und offenbart sich nur, wenn man die Frage an sein Inneres richtet und nicht nach außen adressiert. Sie ist außerdem eine Frage, die man für sich bestimmt nicht nur einmal im Leben, sondern in verschiedenen Lebensabschnitten und -phasen immer wieder neu beantworten muss. Und wenn man die Antwort gefunden hat, muss man sich trauen auch entsprechend zu leben. Dafür müssen die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen stimmen – lasst uns auf jeden Fall mal Vorbild sein und unser Umfeld durch Toleranz, Offenheit, Respekt und Liebe dazu befähigen, die Masken runterzulassen.


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