Nachdem mir ein paar Jahren schon einmal von einem Bekannten der Silent Retreat auf Bali empfohlen wurde, habe ich es dieses Jahr endlich geschafft. Mitte März 2019 habe ich zwei Tage und Nächte mitten in den Reisfeldern auf Bali verbracht, ohne Handy, Laptop und Sprechen. Ich hatte Respekt davor, weil ich schon eher zu der Fraktion ‚viel am Handy‘ gehöre und auch gerne rede. Aber es war einfach nur traumhaft und ich hätte problemlos auch fünf Tage bleiben können. Vermutlich wäre der Effekt dann auch noch viel größer gewesen…. Nächstes Mal 🙂 Ich möchte ein bisschen von den Abläufen erzählen und was ich für mich daraus mitgenommen habe.

Mein Zimmer.

Gebucht habe ich das ganze online, ein paar Wochen im Voraus. Das sollte man auch tun, denn der Silent Retreat ist gut besucht und es gibt nicht so viele Zimmer. Man kann zwischen Bungalow, Simple & Deluxe Single und Dorm wählen. Für mich gab es das Simple Single für etwa 35€ pro Nacht – was für balinesische Verhältnisse schon echt viel ist. Dazu kauft man für etwa 28€ einen Daypass für Essen und Yoga/Meditation. In Summe hat das ganze also rund 150€ gekostet, mit Logistik und Trinkgeld noch was mehr. Die Anlage ist wunderschön gelegen, inmitten von Reisfeldern. Ich fand die Natur echt atemberaubend und musste immer mal wieder stehen bleiben und bewundern. Beim Check-in wurde natürlich noch geredet – zwei sehr liebe Balinesen haben mich willkommen geheißen, mir ein Introvideo gezeigt, mir einen Beutel mit Bettzeug, Handtüchern, Taschenlampe, Alu-Teebecher und Taschenlampe gegeben und mich zu meinem kleinen Zimmer geführt. Das Zimmer war super simpel, mit tollem Ausblick ins Grüne und einem Vorhang, den man bei Regen runterlassen konnte. Von jetzt an war dann auch Schweigen angesagt. Das ‚Programm‘ im Silent Retreat beschränkte sich auf die Mahlzeiten (8:30-10 Uhr Frühstück und 16:30-18 Uhr Abendessen) und Meditation/Yoga (6:00-8:30 Uhr und 14-16:30 Uhr). Die Programmpunkte wurden immer mit einem Gong, der auf dem ganzen Gelände zu hören war, angekündigt. Alles war aber freiwillig, wer also eine Mahlzeit auslassen oder anstatt Yoga lieber lesen wollte oder spazieren gehen – auch okay. Den ganzen Tag über gab es Kräutertee zum selberkochen, Obst und selbstgebackene Kekse. Für das Essen erhält jeder Gast in einem Regal ein Fach, in dem Schalen und Besteck war. Nach jedem Essen wurde selber gespült. Das Essen war Buffetstyle, man hat sich was genommen und dann eine Etage höher gegessen – schweigend, ohne Smalltalk. Das Essen war ein absoluter Traum – ich habe selten so kreativ und lecker vegan gegessen. Ganz viele tolle Gemüsekreationen, leckere Säfte, toller Nachtisch. Nicht nur das Essen war sehr liebevoll zubereitet, auch sonst war die Anlage sehr bedacht errichtet. Überall hingen kleine Schilder mit Sprüche, die zum Nachdenken anregen. So zum Beispiel in der kleinen Teeküche: da wurde man zu ‚Mindful Tea Preparation‘ aufgerufen, man sollte am Herd stehen bleiben, während das Wasser kocht. Klingt total banal, aber man ist es gewohnt, diese fünf Minuten ‚effizient zu nutzen‘ und zur Toilette zu gehen oder was auch immer zu tun. Da einfach mal stehen bleiben und dem Wasser zuschauen ist irgendwie beruhigend.

Frische Kräuter zum Tee kochen

Wie schon angedeutet – ich habe es geliebt. Es war wahnsinnig befreiend, mal wirklich NICHTS zu tun zu haben. Mir ist klargeworden, dass ich das kein einziges Mal hatte seitdem ich nicht mehr richtig arbeite, sondern jeden Tag flexibel gestalten kann. Man mag jetzt sagen, dass man doch gerade dann mehr Zeit zum Entspannen haben sollte, aber ich bin das Gegenteil: wenn es kein ‚offizielles‘ Ende der Arbeit gibt, keine offiziell freie Zeit (Wochenende), dann arbeite ich auch immer weiter. Nicht immer nur an der Doktorarbeit, gibt ja auch andere Themen. Naja – aber so ganz ohne Laptop ließ es sich schlecht arbeiten. Deshalb habe ich die zwei Tage wirklich nichts Anderes getan als gelesen, gedacht, geschlafen, gegessen. Yoga gemacht habe ich noch und ein paar Spaziergänge. Man kommt wirklich ins Denken und ich bin absolut erholt und voller Kraft aus dem Retreat abgereist. Ich bin echt sehr gespannt was fünf Tage mit mir machen. Nach dem Retreat bin ich dann auch nicht direkt ins Instagram-Smalltalk-Land in den Süden zurückgereist (trotzdem wahnsinnig schön da, zum Ende der Reise bin ich auch nochmal dahin. Das Esseeeen <3), sondern habe erst nochmal zwei Tage in einem super ruhigen Bergdorf verbracht. Das war auch genau richtig, so konnte ich die Erfahrung in Ruhe sacken lassen.

Ich kann jedem ans Herz legen sowas mal zu machen. Auch wenn es vielleicht etwas Überwindung kostet, es tut wirklich gut. Man kann sowas natürlich auch noch etwas günstiger ‚simulieren‘, aber ich war sehr dankbar über das organisierte Setting – und das Geld war es allemal wert. Was habe ich denn nun gelernt… irgendwie nichts Richtiges und doch so viel. Die folgenden drei Punkte sind glaube ich die ‚Kernlearnings‘ für mich:

  • Achtsamkeit hilft: Achtsamkeit ist irgendwie so ein Buzzword, bei dem man am liebsten direkt abwinken würde. Eigentlich heißt es aber ja nur alles etwas bewusster zu machen. Ich habe direkt in den ersten Minuten des Retreats einen Riesenlärm verursacht, weil ich unvorsichtig meinen Teller aus dem Regal gezogen habe und das Besteck klirrend herunterfiel. Klasse Liesa, willkommen! Beim Essen habe ich gegessen ohne dabei zu lesen oder sonstiges zu tun. Einfach nur gegessen und jeden Bissen gespürt. Mit Stäbchen, damit es noch ein bisschen länger dauert. Das macht echt einen Unterschied, ich konnte mir währenddessen gar nicht mehr vorstellen irgendwas schnell, schnell am Schreibtisch zu essen, während ich eine Excelanalyse mache oder Texte schreibe. Da habe ich mir auf jeden Fall vorgenommen dieses Gefühl und die neue Esspraxis mit in den Alltag zu nehmen… und auch sonst etwas achtsamer zu sein.
Breakfast with a view
  • Man selber ist genug: Ich bin ja generell viel allein unterwegs und auch schon öfter allein verreist. Aber durch Social Media sind die Lieben ja irgendwie doch nie so weit weg und man kann ständig in Kontakt gehen (wofür ich sehr dankbar bin). Aber auch wenn wirklich niemand da ist habe ich eine fantastische Zeit und freue mich, einfach nur mit mir zu sein und meine eigene Gesellschaft zu genießen, zu Lesen, zu denken. Ich bin genug. Nicht nur als Gesellschaft angenehm genug, sondern auch als Person wie ich gerade bin vollkommen cool und genug.

  • Jeder entscheidet immer wieder für sich selbst: Auch wenn es irgendwie klar ist, dass Ruhe und ausstöpseln in einem Setting wie dem Silent Retreat einfacher ist, stellt man sich doch trotzdem die Frage wieso man Dinge tut, obwohl man eigentlich keine Lust darauf hat. Ich bin wirklich schon viel besser im Nein sagen geworden und darin, Dinge die ich nicht tun möchte, auch nicht zu machen. Aber ich muss noch besser werden und noch konsequenter das tun, was mir guttut. Jeder entscheidet jedes Mal für sich selbst, man wird zu nichts gezwungen (zumindest in Deutschland nicht). Viele Beschränkungen redet man sich selber nur ein, wenn man sie mal zu Ende denkt kann man auch bei diesen Punkten andere Entscheidungen treffen. Das hat mir die Zeit in den Reisfeldern nochmal aufgezeigt 🙂

Danke, Bali Silent Retreat für die tollen zwei Tage. Auch wenn es in unserem vielbeschäftigten Alltag schwierig ist, die Stimmung des Retreats zu schaffen: man kann trotzdem ab und an entschleunigen, achtsamer leben und Handy/Laptop mal auslassen. Ich habe gemerkt wie gut es mir tut und habe mir vorgenommen demnächst mal meinen ganz persönlichen Silent Retreat in Köln-Ehrenfeld zu veranstalten. Mal gucken wie gut das funktioniert.

Have you?
Kategorien: Allgemein

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